Das Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum wirbt händeringend um Nachwuchs. Wenn das städtische Klinikum demnächst medizinische Fakultät wird, müssen zwei Drittel der dafür nötigen Mitarbeiter von außen kommen, schätzt Geschäftsführer Götz Brodermann. Foto: CTK

Wie Cottbus ein Leuchtturm der Medizin werden soll

Das war clever von Brandenburg, seine Ausbildungsstätte für Ärzte vom Strukturwandel bezahlen zu lassen. Aber das milliardenschwere Innovationszentrum Universitätsmedizin Cottbus (IUC) wird nicht automatisch ein Erfolg. So muss das Cottbuser Klinikum jetzt investieren, um endlich vom deutschen Medizinernachwuchs bemerkt zu werden. 
Von Christine Keilholz 

Götz Brodermann hat aktuell zwei Riesenaufgaben. Erstens muss er eine Klinik durch die Corona-Pandemie steuern – mit all den Unvorhersehbarkeiten, dem Aufwand und den personellen Konflikten, die etwa eine Impfpflicht mit sich bringt. Und zweitens will er dieses Carl-Thiem-Klinikum zu einer Universitätsklinik formen. Der Aufbau einer Medizinerausbildung in Cottbus ist das Kernstück des Strukturwandels in Brandenburg. In zwei Jahren schon soll die medizinische Fakultät an den Start gehen. Geschätzte Kosten liegen bei 1,9 Milliarden Euro. Rund 1600 Jobs sollen entstehen. Was das bedeutet, muss man sich sportlich vorstellen: Ein städtisches Klinikum, das einer nicht gerade gut betuchten Kommune gehört, soll binnen weniger Jahre in der Bundesliga der Medizin spielen. 

Brodermann, der das Thiem-Klinikum seit 2016 leitet, hat eine klare Vision: „Was mir vorschwebt, ist eine Ausbildungsstätte mit Strahlkraft auf ganz Ostdeutschland“, sagt er. „Das ist für uns auch erreichbar.“ Sein Haus ist mit 2500 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Cottbus – und mit 500 Azubis der größte Ausbilder in der Lausitz. Aber um es in die Bundesliga zu schaffen, muss er jetzt schon investieren: „Wir brauchen jetzt die Mittel, um langsam Strukturen aufzubauen“, sagt Brodermann im Gespräch mit Neue Lausitz. Man könne ja nicht 2024 bei Null anfangen. „Wenn dann die ersten Forscher kommen, sollen und müssen sie gut Bedingungen vorfinden, damit sie gleich loslegen können.“ 

Erste Adresse für Gesundheitssystemforschung

Die Universitätsmedizin in Cottbus hat als einziges der vielen Strukturwandelprojekte das Zeug, das Kernanliegen zu erreichen: Fähige Leute in die Lausitz zu ziehen, die für Bewegung und neue Wirtschaftskraft sorgen. Von 200 Studierenden pro Jahr war die Rede, als Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) die Pläne im Sommer 2020 vorstellte. Medizin kann das schaffen, schließlich kommen auf jeden Medizinstudienplatz in Deutschland um die zehn Bewerberinnen und Bewerber. Wo immer eine neue Ausbildungsstätte aufmacht, stehen die Leute Schlange. Das kann nicht mal der beste Ingenieursstudiengang der BTU Cottbus-Senftenberg, mit der im Verbund das Thiem-Klinkum das Innovationszentrum Universitätsmedizin Cottbus (IUC) umsetzen soll. 

Und so passt bei diesem Strukturwandel-Projekt auf wundersame Weise alles zusammen. Cottbus bekommt einen neuen Leuchtturm. Brandenburg bekommt endlich eine staatliche Ausbildungsstätte für den dringend benötigten Ärztenachwuchs – die praktischerweise aus bundeseigenen Töpfen für den Strukturwandel bezahlt wird. Denn bisher scheiterten ähnliche Vorstöße am Geld. Medizin-Studienplätze sind nicht nur verlässliche Magneten für junge Leute. Sie sind mit 200 000 Euro an Dauerkosten auch die teuersten. Aber der Strukturwandel allein kann es nicht richten. Das stellte der Chef der vom Land bestellten Auswahlkommission, Karl Max Einhäupl, schon bei der Präsentation der IUC-Pläne vor: „Das Geld wird zu einem Teil von Brandenburg kommen müssen.“ 

60 Prozent Mitarbeiter von außen

Damit dieses Geld gut angelegt ist, müssen moderne Forschungsmittel angeschafft werden. Millionenschwere Geräte müssen vorhanden sein – und vor allem müssen anerkannte Experten gewonnen werden. „Wir brauchen international anerkannte Fachleute, die müssen den Weg nach Cottbus finden“, sagt Brodermann. Der 56 Jahre alte Mediziner stammt aus Baden-Württemberg. Er hat in München als Ärztlicher Standortleiter am Klinikum Schwabing gearbeitet. Als er 2015 nach Cottbus kam, war noch nicht zu erwarten, dass ihm hier die seltene Chance geboten würde, einen neuen Studienort aufzubauen. Brodermann geht davon aus, dass 60 Prozent der Leute, die er künftig braucht, von außen kommen werden. Die zusätzlichen Arbeitsplätze in Wissenschaft und Lehre wird auch die Mitarbeiterschaft des städtischen Klinikums wandeln. 

Um diese dringend benötigten Leute zu bekommen, hat Brodermann eine Kampagne gestartet. Von Greifswald bis Halle lässt er an allen wichtigen Medizinfakultäten werben für den künftigen Arbeits- und Forschungsstandort Cottbus. Mit diesen Städten sieht er Cottbus langfristig in einer Liga. „Das sind medizinische Fakultäten mittlerer Größe, die in der Mediziner-Szene einen sehr guten Ruf haben“, sagt er. „An Leipzig und Dresden kommen wir so schnell nicht heran.“ 

Plötzlich Promotionsschriften lesen

Gleichwohl hat sich das Thiem-Klinikum an der TU Dresden, der einzigen ostdeutschen Exzellenz-Universität, Rat geholt. Heinz Reichmann, Dekan der Dresdner Medizinfakultät, hat Cottbuser Chefärzte empfangen und beraten. „Ein ganzes Team zu akademisieren, das ist eine Fleißarbeit“, sagt Reichmann. Fünf Jahre mindestens dauere es, einen Medizin-Studienort aufzubauen und durch alle politischen Instanzen durchzubekommen. Dafür müsse man auch intern das richtige Klima schaffen. „Es gibt viele Ärzte, die die Nachteile von Uni sehen, die sich lieber auf die Krankenversorgung konzentrieren wollen.“ Plötzlich Uniklinik sein, das heißt auch, dass man Promotionsschriften lesen und Habilitanden holen muss. Da braucht es in einem großen Team viel Überzeugungsarbeit. 

„Was mir vorschwebt, ist eine Ausbildungsstätte mit Strahlkraft auf ganz Ostdeutschland“, sagt CTK-Geschäftsführer Götz Brodermann. „Ich sehe uns auf Dauer in einer Liga mit Standorten wie Greifswald und Halle. An Leipzig und Dresden kommen wir so schnell nicht heran.“ Foto: CTK

Eine gute Uniklinik werden, heißt auch: Nicht jeder Kliniker wird seinem Traum vom eigenen kleinen Forschungsreich erfüllen können. Zumal der künftige Cottbuser Medizin-Koloss sein Thema bereits hat. Dass das nach Wunsch der Auswahlkommission ausgerechnet Gesundheitssystemforschung sein soll, kam unerwartet. Zwar betonte der ehemalige Charité-Mediziner Einhäupl damit den Anspruch: „Wenn man das Gesundheitssystem der Zukunft gestalten will, muss man nach Cottbus gehen.“ Aber angesichts der rhetorischen Bombastik, die das Potsdamer Wissenschaftsministerium rund um das IUC erklingen ließ, wirkte dieses Geschäftsfeld verblüffend profan. Die Kommission begründete ihre Entscheidung strategisch: Es bringe wenig, sich auf molekularbiologische Forschung zu verlegen und damit Heidelberg Konkurrenz machen zu wollen. 

CTK-Geschäftsführer Brodermann ist ganz froh mit dieser Auswahl. Gesundheitssystemforschung klinge vielleicht erstmal nicht sexy, aber landauf landab machen die meisten Stätten davon ein bisschen. Da sitze dann oft der Gesundheitssystemforscher im einsamen Büro hinten auf dem Flur. „Wenn wir das in Cottbus zentral aufziehen und zu unserem Markenkern machen, können wir uns damit auf die Landkarte setzen“, ist Brodermann überzeugt. Cottbus soll ein Ort werden, wo neue Versorgungsformen ausprobiert und in den Regelbetrieb transferiert werden. In den Koalitionsvertrag der Bundesregierung hat es die Cottbuser Medizin schonmal geschafft.

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