Humanitär handeln und gleichzeitig eine einmalige Chance nutzen: Brandenburgs Wissenschaftsministerin will ukrainischen Forschern "nicht nur Übergangsjobs vermitteln". Foto: Pixabay

Kriegsflüchtlinge können auch Fachkräfte sein, die die Lausitz dringend braucht

Der Krieg in der Ukraine treibt auch viele Wissenschaftler aus dem Land. Die Lausitz kann helfen – und ihnen jetzt die richtigen Angebote machen.

Von Christine Keilholz

Nein, daran habe man noch nicht gedacht, heißt es aus dem Casus-Zentrum in Görlitz. Man leiste Hilfe für Menschen in Not. Aber Arbeitsangebote für flüchtende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat man bei Casus bisher nicht erwogen. Casus ist eine Strukturwandel-Pflanze, die gerade erst richtig Wurzeln schlägt in der Lausitzer Wissenslandschaft. Das „Center for Advanced Systems Understanding“ sieht seine Daseinsberechtigung darin, internationale kluge Köpfe in die Stadt an der Neiße zu holen. Dennoch stößt der Gedanke „die Kriegssituation in der Ukraine mit der Fachkräftefrage zu verbinden“, dem Sprecher des Hauses unangenehm auf. Mitarbeiter aus den Kriegsgebieten hat das IT-Institut in Görlitz nicht. 

In Dresden ist man da weiter. Dort hat das Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW) auf die Kriegssituation in der Ukraine reagiert und in der Schnelle ein Programm aufgelegt. Das IFW bietet den ukrainischen Kolleginnen und Kollegen Forschungsaufenthalte von sechs bis zwölf Monaten an. Die 20 ukrainischen Wissenschaftler und Studierende, die bereits  am IFW Dresden tätig sind, bekommen ihre Arbeitsverträge unkompliziert verlängert. Dafür haben das Bundesforschungsministerium wie auch die Leibniz-Gemeinschaft Geld bereit gestellt. Das Ziel ist klar: Wissenschaftler, die vor dem Krieg fliehen mussten, sollen in Deutschland ihre Tätigkeiten fortsetzen können, die im eigenen Land unmöglich geworden sind. Das Festkörper-Institut möchte einen Beitrag dazu leisten, dass Wissenschaft trotz äußerster politischer Krisensituationen denkbar bleibt. Von dieser Haltung können auch die hiesigen Institute profitieren. 

Forscher sollen Schutz finden – und Jobs

Nach nicht einmal zwei Wochen Krieg sind 50.000 Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland registriert. Für viele von ihnen sind die Städte der Lausitz erste Station im Land – aber, wie sich bereits zeigt, oft nur Durchgangsstation. Die Hilfsbereitschaft für die osteuropäische Tragödie ist in der Lausitz enorm. In praktisch jeder Gemeinde haben sich Bürger spontan zu Hilfstrupps zusammengeschlossen, holen Menschen aus Polen ab, organisieren Versorgung und Unterbringung. Doch der sinnvolle nächste Schritt, diesen Menschen langfristige Angebote zu machen, bricht sich nur langsam Bahn. 

Dabei kann die Lausitz Fachkräfte aus der Wissenschaft dringend brauchen. Genau genommen entstehen allein in Cottbus laut Strukturwandel-Plan 10.000 Forschungsjobs. Diese Zahl war am Montag an der BTU Cottbus-Senftenberg zu hören, wo Brandenburgs Landesregierung mit einem Festakt die Gründung eines „Lausitz Science Park“ feierte. Diese Gründung ist ein Verbund aus Universität und den neuen außeruniversitären Instituten der Stadt – und gleichzeitig die Dachmarke einer wachsenden Wissenschaftsregion. Doch noch ist unklar, woher man 10.000 Spitzenforscher bekommen will. 

Flüchtlinge machen die Boomtown Cottbus wahr

Das fragt sich auch Harry Lehmann, der Leiter des PtX Lab Lausitz. Dieses Praxislabor für Kraft- und Grundstoffe aus grünem Wasserstoff hat 2021seine Pforten in Cottbus eröffnet – und sucht seitdem händeringend Personal. 60 Stellen hat Lehmann zu vergeben, aber bislang erst 20 besetzen können. „Wir suchen ein spezielles Profil von Spezialisten“, sagt er. „Aber genau diese Leute sind in Cottbus zurzeit sehr gefragt.“ Und zwar von den anderen Einrichtungen, die zum Science Park gehören. Umweltforscher, Chemikerinnen, Physiker und Biologinnen sind rar gesät und bekommen bundesweit attraktive Jobangebote. Cottbus, das sich neuerdings als Boomtown im Osten bewirbt, hat dabei nicht unbedingt den geografischen Vorteil. Angesichts der Flüchtlingsströme aus der Ukraine allerdings schon. 

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) hat das erkannt und ist entschlossen, diesen Braindrain zu nutzen. Schon wenige Tage nach Kriegsbeginn ließ Schüle die versammelten Spitzen der brandenburgischen Wissenschaft eine Solidaritätserklärung für die Opfer des Angriffskriegs unterschreiben. Darin bekunden die Hochschulen und Institute auch ihre Bereitschaft zur schnellen Integration: Sie wollen eine „Brücke für bedrohte Wissenschaftler*innen, Studierende und ihre Angehörigen aus der Ukraine nach Brandenburg“ bauen. Angeboten wird Hilfe bei der Suche nach Studienplätzen, Sprachkursen und Jobs in der Wissenschaft. „Wir wollen nicht nur Übergangsjobs vermitteln“, erklärte die Ministerin, „wir wollen geflüchteten Studierenden und Forschenden eine Perspektive in der Wissenschaft geben.“ 

Humanitär handeln – und eigennützig

Humanitär handeln und gleichzeitig eine einmalige Chance nutzen. Das ist für die Dresdner Festkörper-Forscher kein Widerspruch. Das Leibniz-Institut kooperiert seit Jahren mit der Kyiv Academic University. Gerade läuft ein Forschungsprojekt, das vom BMBF gefördert wird. Dieses Projekt sollte durch einen regen Austausch an Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Postdocs realisiert werden, die gemeinsam an einem deutsch-ukrainischen Labor forschen sollten. Gerade war alles eingerichtet, da kam der Krieg. „Die Kollegen, die eigentlich in den kommenden Monaten zu uns nach Deutschland kommen wollten, können nicht ausreisen, sitzen in U-Bahn-Stationen, schützen ihr Leben und das ihrer Familien, kämpfen für ihr Land“, sagte eine Sprecherin zu Neue Lausitz. Der Krieg in der Ukraine zerreißt viele fruchtbare Verbindungen – aber die Flucht kann auch neue knüpfen.

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