Nach Jahren der Transformation sehen die Firmen der Kohle-Peripherie Licht am Ende des Kühlturms. Doch der Weg in neue Geschäftsfelder ist durch den Ukrainekrieg unsicher geworden. Foto: Pixabay

Wie die Kohlefirmen der Lausitz den Kohleausstieg schaffen

Steigende Energiepreise, unsichere Gasimporte und gekappte Geschäftskontakte nach Russland. Für den Kohle-Mittelstand der Lausitz sind das nicht mal die größten Herausforderungen der letzten Jahre. Auf ihrem Branchentreffen ging es um Lösungen, die durchaus überraschen.

Von Anja Paumen

Auf dem Online-Treffen der Lausitzer Braunkohle-Branche war kürzlich kein Wehklagen zu hören. Stattdessen wurden mit Zuversicht die neuen Geschäftsmodelle präsentiert, auf denen die Unternehmen der Bergbau-, Kraftwerks- und Sanierungsbranche unterwegs sind. Von Aufbruchsstimmung sprach der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg, Sebastian Saule. „Die Unternehmen haben sich auf den Weg gemacht, ihre Abhängigkeit von der Braunkohle als ihren Arbeitgeber zu verringern.“ Das ist auch nötig.

Die Unternehmen der sogenannten Kohle-Peripherie gelten als unsicherer Wirtschaftsfaktor des Strukturwandels. Diese Firmen wurden Anfang der 1990er Jahre von den Kohlekombinaten förmlich „ausgespuckt“. Wenn es ihnen gelingt, sich aus der Abhängigkeit von den Tagebauen und Kraftwerken zu lösen, dann kann es die ganze Lausitz auch. Rund 250 dieser Firmen haben sich im Netzwerk Mining & Generation Technology (MinGenTec) zusammengeschlossen. Beim Netzwerktreffen sprach Benjamin Oppermann aus der Geschäftsleitung der Emis Electrics aus, was alle umtreibt: „Es wird nicht der rettende Engel kommen, der uns neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet. Da müssen wir selbst aktiv werden.“

Strukturwandel treibt Innovationen voran

Dass Sicherheiten wegfallen, haben die Unternehmer und Arbeitnehmer der Branche in mehr als 30 Jahren mehrfach erlebt. Nach dem Strukturbruch der Nachwendezeit kam auch eine Gründungswelle in Gang, die viele kleine und mittelständische Firmen hervorbrachte. Wie die Emis Electrics, die 1990 aus einer Ausgründung aus dem Kraftwerk Lübbenau hervorging. Die Firma ist auf Elektroanlagenbau spezialisiert und wird sich in den folgenden Jahren immer wieder an die neue Zeit anpassen. 2005 steigt sie in die Automatisierung und 2021 in die Robotik ein. Das geschieht durch die Suche nach Knowhow in Form von neuen Fachkräften oder Firmenzukäufen, berichtet Geschäftsentwickler Oppermann. Heute ist die Emis Gruppe ein Unternehmensverbund an zehn Standorten mit 500 Mitarbeitenden. „Früher herrschte ein Gegeneinander zwischen den Erneuerbaren Energien einerseits und der Kohle andererseits. Aber die Energiewende gelingt nur, wenn man es gemeinsam angeht“, sagt Oppermann. Emis Electrics bietet auch Lösungen für die Installation von Photovoltaikanlagen auf Dächern an. 

Als auch die großen Bergbauunternehmen als Arbeitgeber wegzufallen drohten, gründeten im Jahr 2017 die IHK Cottbus und die Wirtschaftsförderung Brandenburg die Initiative MinGenTec. Das Netzwerk will kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, sich neue Märkte im Ausland zu erschließen oder durch neue Partnerschaften im Inland weitere Geschäftsfelder zu besetzen. Seit 2020 erhält das Netzwerk Fördermittel vom Bundeswirtschaftsministerium. Stefan von Senger, Teamleiter Außenwirtschaft bei der Wirtschaftsförderung Brandenburg, sieht einen auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg kritisch. Eine Transformation brauche Zeit, sagt er. „Wenn ein Kraftwerksblock vom Normalbetrieb in die Sicherheitsreserve geht, dann gehen in der Regel rund 600 Arbeitsplätze verloren. Die müssen erst einmal woanders herkommen.“ 

Comeback der Kohle unbestätigt

Es ist genau das Argument, was die Politiker aus der Lausitz immer wieder anführen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte zuletzt über die Strukturmittel: „Es geht darum, das Geld effizient einzusetzen, damit wirklich neue Arbeitsplätze entstehen können. Das ist das A und O.“ Ergänzend fordert sein brandenburgischer Kollege, Dietmar Woidke (SPD), dass bei einem vorgezogenen Ende der Kohle zusätzliche Finanzmitteln an die Kohleländer fließen müssten. Das Bundeswirtschaftsministerium hat unterdessen eine Studie in Auftrag gegeben, die die technische Machbarkeit eines vorgezogenen Kohleausstiegs im Jahr 2030 prüfen soll. Dietmar Woidke erklärte dazu, dass eine wissenschaftliche Analyse allein nicht reiche. Sondern beim Vorliegen der Studie müssten die Ministerpräsidenten der Kohleländer an den Gesprächen beteiligt werden. Auch „die Gewerkschaften und die Menschen in den Regionen“ müssten einbezogen werden. 

Ob der Ukrainekrieg und die unsicheren russischen Gaslieferungen nun zu einer längeren Laufzeit der Kohlekraftwerke führen, ist von der Bundesregierung noch nicht bestätigt worden. Stattdessen heißt es, dass allein wegen Lieferengpässen vor allem beim Gas der Brennstoff Kohle kein Ersatz sei. Denn Gas habe nur einen Anteil von 15 Prozent an der Stromerzeugung. Dieser Anteil, so Grünen-Bundesminister Robert Habeck, könnte bei einem schnelleren Ausbau von den Erneuerbaren Energien übernommen werden. Vorgesehen ist laut Bundesregierung jetzt schon, die Kohlekraftwerke länger als geplant in der Sicherheitsreserve zu halten, damit sie bei Versorgungslücken einspringen können. 

Wirtschaft findet einen Ausweg

„Der Kohleausstieg ist nicht das vorrangige Thema“, sagt Axel Bretfeld, Geschäftsführer der Ecosoil Ost. Eine strategische Neuausrichtung begleitet die Firma mit Sitz in Senftenberg seit vielen Jahren. Die Firma saniert im Auftrag der LMBV, der vom Bund beauftragten Gesellschaft für die Weiternutzung der Bergbau-Folgelandschaften, rutschgefährdete Böden. Die Ecosoil Ost wurde 2001 gegründet und hat verschiedene Verfahren und Maschinen für die Sanierung von Böden selbst entwickelt. „Unsere Technologien sind auch auf normalen Böden einsetzbar“, erklärt Bretfeld. Durch den Erwerb von Tochterfirmen wurden neue Geschäftsfelder erschlossen – und durch Kampagnen in den sozialen Netzwerken kommen Fachkräfte. In nur drei Wochen hat er darüber mehr als 100 Bewerbungen aus der Lausitz erhalten. Die hohen Energiepreise? Sie seien ein Problem im aktuellen Tagesgeschäft, erklärt er. Da man aber auch in dieser Branche Klimaneutralität anstreben muss, setze man sowieso mittelfristig auf energieeffiziente Baumaschinen. 

Auch der Geschäftsführer Matthias Vogel schaut lösungsorientiert auf die aktuellen Probleme etwa die Unterbrechung von Lieferketten durch den Ukrainekrieg. Die Firma Industrie Hydraulik Vogel & Partner hat viele Kunden, die jetzt nicht weiter produzieren könnten, weil etwa Kabelbäume aus der Ukraine fehlen, sagt Vogel. „Die Wirtschaft findet einen Ausweg. Dann muss das eben in der EU angesiedelt werden.“ Die Firma wurde 1990 gegründet und rüstet unter anderem Dieselloks auf Elektrobetrieb um. „Mittlerweile entwickeln wir Prototypen von Loks, die hybrid oder mit Wasserstoff fahren“, erläutert Matthias Vogel, seit 2017 Geschäftsführer des Familienbetriebs mit heute knapp 100 Mitarbeitenden an neun Standorten. Ob sich die ukrainischen Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren, hänge jetzt von schnellen Angeboten für Sprachkurse ab, glaubt er. „Wenn man will, kann man mit einem Crashkurs in vier Wochen im Ausland schon ein gutes Niveau erreichen.“ 

Die drei Unternehmen sind noch wenig auf ausländischen Märkten aktiv. „Das machen bislang fast nur die großen Konzerne im MinGenTec Netzwerk“, sagt Wirtschaftsförderer Stefan von Senger. Nicht nur für Braunkohle sondern auch für andere Tagebaue weltweit würden Förderbänder gebraucht, müssten Wasserprobleme gelöst und die Energieversorgung sichergestellt werden. Das sei Knowhow aus der Lausitz, welches in die Welt exportiert werden kann.

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