Komplette Züge werden bei Alstom in Görlitz längst nicht mehr gebaut. Dabei ist das Knowhow vorhanden. Daraus etwas Neues zu machen, beschäftigt nun Wirtschaftswissenschaftler und Stadtgesellschaft. Foto: Pixabay

Wie das Görlitzer Waggonwerk ohne Alstom überleben soll

Alstom in Görlitz ist zum Sorgenkind der Lausitzer Industrie geworden. Nun will eine lokale Initiative die Niederlassung vom Konzern befreien. Aus Tradition soll Zukunft werden.

Von Christine Keilholz

Carsten Liebig ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Nun hat er sich aufgemacht, seinen ehemaligen Betrieb zu retten. Liebig ist 66 und hat sein Arbeitsleben beim Waggonbau in Görlitz verbracht. Dort war der ehemalige Direktor-Controlling für Jahrzehnte einer der prägenden Köpfe. In 48 Dienstjahren hat Liebig das Werk in unterschiedlichen gesellschaftsrechtlichen Formen und verschiedenen Namen erlebt. Es waren die Namen der Konzerne, zu denen der Waggonbau gerade mal gehörte. Der Volksmund kennt das Werk noch als Bombardier, aktuell ist der französische Konzern Alstom Herr im Hause. Liebig ist zu der Überzeugung gelangt, dass das Werk besser fährt ohne großen Konzern. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. 

„Wir waren immer der größte industrielle Arbeitgeber in der Region“, sagt Liebig. Doch dieser Nimbus ist längst verflogen. Schon Bombardier hatte Probleme mit seinen Standorten Görlitz und Bautzen. Jahre lang war praktisch nur von Auftragsreduzierung und Stellenabbau zu hören. Als die Kanadier sich 2021 zurückzogen, sprangen die Franzosen von Alstom ein. Doch dieser Erfolg brachte Görlitz kein Glück. Im Dezember kündigte Alstom den Abbau von 400 Stellen in Bautzen und Görlitz an. Carsten Liebig sieht nur einen Weg, etwas Wirkungsvolles zu tun. Sein Werk sollte sich jetzt aus der Herrschaft der Konzerne befreien – und sich mit einem eigenen Konzept neu erfinden. 

Rollende Hotels bauen

Um diesen Ansatz herum hat sich in Görlitz eine Initiative zusammengefunden, die unter dem Motto „Standort erhalten“ den Traditionsbetrieb retten will. Die Initiative will Alstom helfen, sich von Görlitz zu trennen. Die Idee dahinter: Das Werk kann es allein schaffen, neue Produkte und Geschäftsmodelle zu finden. Treibende Kraft der Initiative ist die Wirtschaftsberatung Grantiro. Das österreichische Unternehmen ist vom Landratsamt beauftragt worden, die Unternehmen im Kreis zu mehr Innovation zu verhelfen. “Wir wollen die vorhandenen Strukturen und Einrichtungen und das Wissen der Menschen neu kombinieren“, sagt Johannes Sauerwein. Der Sohn einer Kaufmannsfamilie widmet sich seit 2015 als Ökonom sozialen Fragestellungen in Transformationsprozessen. Im Falle von Alstom hat Grantiro eine Gruppe von Unterstützern aus Politik und Wissenschaft zusammengetrommelt – und Bürger eingeladen, Ideen für das Werk einzubringen. 

Nach den ersten Treffen kursieren Ideen, die das Kerngeschäft erweitern. Von rollenden Hotels und mobilen Krankenhäusern ist die Rede, die in der Waggonbau-Werkstatt entstehen könnten. Das Knowhow dafür ist vorhanden. „Schweißen, kleben und nieten, das können wir besser als andere“, sagt Carsten Liebig. Was der langjährige Controlling-Chef neuerdings bei Besuchen an seiner alten Wirkungsstätte beobachtet, findet er „erschreckend“. Der Betrieb hatte einst 2500 Mitarbeiter,  jetzt sind es noch knapp 900. Knowhow und Expertise verschwinden. Die Auslastung ist rapide gesunken. Früher wurde hier der Doppelstock-Zug erfunden. Heute entstehen nur noch halbfertige Fahrzeuge, die ihre Inneneinrichtung am Standort Bautzen eingebaut bekommen. Hinter den Werkstoren macht sich das Gefühl breit, heruntergewirtschaftet zu werden. 

Unsichere Industrie-Zugpferde

Die Initiative „Standort erhalten“ will den Fall Alstom Görlitz auch zu einer Frage von Kreativität machen. Wirtschaftsberater Sauerwein hat Wirtschaftsstudenten der Fachhochschule Kufstein eingeladen, sich am Innovationsprozess zu beteiligen. Ihre Aufgabe ist es, die ersten entwickelten Ideen mit dem Schwerpunkt Geschäftsmodell-Entwicklung und Start-up-Management aufzubereiten und zu validieren. „So nähern wir uns Schritt für Schritt unserem Ziel, Investoren-geeignete Konzepte für den Standort Görlitz vorlegen zu können“, sagt Sauerwein. 

Der Waggonbau in Görlitz steht für die dramatische Geschichte der Lausitzer Industrie. Das Werk mit 170-jähriger Geschichte gilt als Beispiel der verlängerten Werkbänke, die Ostdeutschlands Fabriken oft für ihre Mutterkonzerne im Westen geworden sind. Fremdbestimmt und oft im Stich gelassen scheinen diese Betriebe immer weniger in der Lage, Wohlstand und gute Jobs einer ganzen Region zu sichern. Görlitz steht umgekehrt für einen Industriestandort, der nicht mehr länger auf Zugpferde wie Alstom oder Siemens setzen kann. Vom Siemens-Turbinenwerk ist nach langem gewerkschaftlichen und politischen Kampf eine nahezu leere Hülle geblieben. Nur noch ein Minimum an Produktion findet hier statt. Görlitz hat sich damit arrangiert, nur noch einen „Siemens Innovation Campus“ zu haben. Carsten Liebig will verhindern, dass die Stadt das Schicksal des Waggonwerks ebenso hinnimmt.

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