Holz verfeuern statt Braunkohle, das sind die neuen ökologischen Energieträume in Schleife. Eine Investorengruppe will in der 2400-Einwohner-Gemeinde ein Kraftwerk für 500 Millionen Euro bauen. Foto: Pixabay

Ein Kraftwerk für Schleife

In der Gemeinde am Tagebau Nochten soll ein ökologisches Kraftwerk entstehen. Dagegen laufen Naturschützer Sturm. Darf man Wald roden, um grünen Strom zu produzieren?

Von Christine Keilholz

Jörg Funda ist guter Dinge. Beim ihm klopfen öfter Leute an, die in Schleife investieren wollen. Aber diese Sache ist von einer neuen Qualität. Da kam ein komplettes Team. Investoren, Planer mit einem fertigen Konzept. Sogar das Grundstück, auf dem das neue ökologische Kraftwerk entstehen soll, steht schon bereit. Funda ist 57, gelernter Elektroniker und seit Anfang 2021 CDU-Bürgermeister von Schleife im Kreis Görlitz. Dass überhaupt etwas namens Kraftwerk entstehen soll, ist für ihn und seine 2400-Einwohner-Gemeinde ein Glücksfall. 

Rund 500 Millionen Euro will das Konsortium investieren. 300 Arbeitsplätze sollen dadurch entstehen. Eigentlich wäre alles perfekt, ist es aber nicht ganz. „Es gibt naturgemäß Widerstand“, sagt der Bürgermeister. „Das Projekt geht mit einem gewissen Flächenverzehr einher. Wir werden dafür in die Natur hineinbauen müssen.“ Der Widerstand gegen sein Ökologisches Kraftwerk allerdings ist ziemlich laut. 

Elon Musks langer Schatten fällt auf Schleife

Das Projekt hat einen Schönheitsfehler: Es verbraucht viel Platz – und das bedeutet in der Praxis: Es verbraucht viel Natur. Auf dem 870 Hektar großen Grundstück, das die Investoren bebauen wollen, steht ein Wald. Das macht die Energiefabrik für Umweltgruppen der Umgebung zu einem Unding – obwohl sie umweltfreundlich ist. Wald zu roden, um eine Fabrik zu bauen, das hat spätestens seit Elon Musks Aktivitäten in Grünheide einen schlechten Leumund. Es steht für einen neuen Gigantismus bei wirtschaftlichen Erwartungen, für die Natur nur als Hindernis gilt, das, bitteschön, unbürokratisch zu weichen hat. 

Der fragliche Wald in der Gemeinde Schleife gehört der Firma „Forst Rohne“, die ihn in den 1990er Jahren von der Treuhand erworben hat. Zum Gelände gehören auch die Hochkippen im Ortsteil Mulkwitz, auf denen Solaranlagen und Windräder entstehen sollen. Doch auch von da kommt laute Ablehnung. Die Mulkwitzer sehen die Pläne skeptisch. „Wir haben auf der einen Seite den Tagebau und auf der anderen Seite sollen die Windräder hin“, lässt sich Ortsvorsteherin Manuela Wolf zitieren. Geplant sind 30 Windkraftanlagen und ein Holzenergie-Werk. Zudem sollen Wärmespeicher auf dem Gelände produziert werden. Drei Solarparks gehören zum Projekt, einer davon ebenfalls auf einer Kippe. 

Alles für Erneuerbare – nur nicht vor der Haustür

Für Christian Hoffmann ist das keine Kleinigkeit. „Das ist zwar nur ein Kiefernforst, der erfüllt aber trotzdem wichtige ökologische Funktionen“, sagt er. Auf einer solchen Fläche Photovoltaik-Anlagen zu bauen, findet Hoffmann nicht sinnvoll. Hoffmann ist 47, studierter Landschafts-Ingenieur aus Weißwasser und als Chef des dortigen Naturschutzbunds die lauteste Stimme des Widerstands gegen das Großprojekt. 

Grundsätzlich, sagt Hoffmann, müsse alles Mögliche getan werden, um das Thema Erneuerbare Energien voranzubringen. Aber im konkreten Fall fehlen ihm für die Windkraftanlagen die geeigneten Flächen. Auf den Außenhalden im Ortsteil Mulkwitz, wo sie hin sollen, befinde sich ein sehr gering zerschnittenes und wenig zerstörtes Stück Natur. Wolf und Seeadler sagen sich dort gute Nacht. Der Nabu-Vorsitzende sieht nicht ein, warum ein Solarspeicher und ein Holzkraftwerk mitten im Wald stehen sollen. Das Holzkraftwerk hält er klimatechnisch ohnehin für eine Mogelpackung. „Das hat keine Vorteile, weil es mehr CO2 produziert, als wir jetzt mit fossiler Energie produzieren.“ Hoffmann verweist auf eine Studie, die das nachgewiesen hat. 

Mit Erneuerbaren Geld verdienen

Bis hierhin funktioniert die Sache nach altbekannter Rollenverteilung. Hier Investoren von außen und lokale Verantwortungsträger, die sich nach Ansiedlungen sehnen – dort die Sorge um die Lebensqualität. Aber so klar sind die Fronten in Zeiten von Energiewende und Strukturwandel nicht mehr. In der Förderkulisse Lausitz lässt sich mit Erneuerbaren Energien inzwischen mehr Geld verdienen. Investoren bauen nicht mehr Fabriken, die ganze Landstriche zuqualmen. Sie bauen flächendeckende Solarparks und Windräder, die das Landschaftsbild verändern. 

Die Investoren des ökologischen Kraftwerks betonen ihren grünen Ansatz. Zu den Investoren gehört die Prolignis AG aus Ingolstadt, die bereits Holzenergie-Werke in Zwickau und Leipzig gebaut hat. Dann das Unternehmen Enercity Erneuerbare, das als Tochter der Stadtwerke Hannover Solar- und Windparks betreibt. Zudem ist die die Bautzner Beratungsfirma BME an Bord. Das Konsortium hat ein Bürgerbeteiligungsmodell ins Spiel gebracht. Damit flössen Anteile am Gewinn aus den Anlagen direkt in die Gemeindekasse. Bürgermeister Funda hat schon eifrig gerechnet. Sechsstellige Beträge im Jahr wären zu erwarten. Damit sieht er das Tor für die Erneuerbaren in Schleife, Rohne und Mulkwitz aufgestoßen. „Die Akzeptanz steigt dann, wenn die Leute sehen, sie haben was davon“, sagt er. „Wenn wir zeigen können, dass bei diesem Projekt Ökomomie und Ökologie zusammenkommen, dann dann findet man schneller Mehrheiten.“ Die Mehrheit im Gemeinderat ist bereits dafür. 

Schleifes Rolle in der neuen Energiepolitik

Nun könnten auch die Weltläufe die Art verändern, wie die Schleifer über ihre epochale Investition denken. Der Krieg in der Ukraine macht es nötig, Energiegewinnung neu zu denken. Christian Hoffmann ist überzeugt, das müsse zu einem Umdenken über Energieverbrauch führen. „Wir müssen echte Bürgerprojekte stärker fördern.“ Er meint solche, wo Solarzellen auf Dächern angebracht werden, statt auf wertvollem Waldboden. Örtliche Landwirte müssten mehr profitieren, nicht gut große Investoren. 

Bürgermeister Jörg Funda erwartet dagegen mehr Rückenwind für sein Projekt, wenn Deutschland kein russisches Gas mehr kaufen will. Zu lange habe man sich in Sachsen beim Ausbau der Erneuerbaren selbst im Weg gestanden – auch innerhalb seiner Partei. „Wir gehen zu leicht davon aus, dass die Leute ein Problem damit haben“, sagt er. „Meine Beobachtung ist eine andere.“ Er könne die Bedenken verstehen. „Gleichwohl muss man das erstmal prüfen.“ Momentan prüft das Landratsamt in Görlitz, ob die Flächen von Forst Rohne für das ökologische Kraftwerk in Frage kommen. Bis Ende des Jahrzehnts soll das Werk komplett ans Netz gehen.

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