"Ein großer Teil der Lausitzer Elite war dafür, die Kohle so weit wie möglich zu verlängern", sagt der promovierte Sozialanthropologe Tristam Barrett. "Ihre Argumente sind weiterhin präsent im Kollektivbewusstsein der Region." Foto: privat

„Viele Erwartungen an den Strukturwandel werden unerfüllt bleiben“

Der Kohleausstieg fordert den Menschen in der Lausitz eine 180-Grad-Wendung im Mindset ab. Aber das geht nur mit echter Beteiligung, ist der Dresdner Strukturwandel-Forscher Tristam Barrett überzeugt.

Frage: Herr Barrett, Sie kennen viele Strukturwandel-Regionen von Aserbaidschan bis Polen. Was unterscheidet den Lausitzer Strukturwandel von ähnlichen Prozessen im Rest der Welt?
Tristam Barrett: In der Lausitz hat bereits in den 1990er Jahren ein traumatisierender und für viele als ungerecht wahrgenommener Strukturwandel stattgefunden. Als Ergebnis ist der von Dekarbonisierung betroffene Sektor kleiner. Das unterscheidet die Lausitz deutlich von Polen, wo es noch 90.000 Arbeitsplätze gibt, die direkt von der Kohle abhängen. Aus dieser früheren Erfahrung heraus gibt eine große Skepsis in der Lausitz gegenüber einem Strukturwandel. 

Skepsis gegenüber was? 
Man kann wohl sagen: Viele Menschen in der Lausitz sehen den Kohleausstieg skeptisch. Das mag wenig überraschen, es ist aber auch tragisch. Es wird so viel hinein interpretiert in diesen neuen Strukturwandel. Eine Interpretation ist die, dass der Strukturwandel von heute eine Entschädigung bringen soll für den früheren, der schief gegangen ist. Dass er die Menschen zurückholt, die weggegangen sind, die Wirtschaftskraft wiederbringt und die Kraftwerke, in denen Tausende von Menschen ihre Jobs hatten. Nicht zu vergessen die verlorene Identität und das Selbstbewusstsein. Das sind enorme Erwartungen, von denen viele unerfüllt bleiben werden, da sie tiefere emotionale Dispositionen widerspiegeln. Andere sind der Meinung, dass es nicht viel mit ihrem Leben zu tun hat, dass es zu abstrakt ist. 

„Ein großer Teil der Lausitzer Elite war dafür, die Kohle so weit wie möglich zu verlängern“, sagt der promovierte Sozialanthropologe Tristam Barrett. „Ihre Argumente sind weiterhin präsent im Kollektivbewusstsein der Region.“ Foto: privat 

Wieso werden so enorme Erwartungen an einen Verwaltungsprozess gestellt, der ursprünglich nur Geld vom Bund an betroffene Kommunen verteilen sollte?
Das hat mit der Geschichte dieses Strukturwandels zu tun, die ja noch nicht lang ist, aber den Leuten eine 180-Grad-Wendung im Mindset abgefordert hat. Man darf nicht vergessen: Der Strukturwandel wird vorangetrieben von Akteuren, die gegen den Kohleausstieg waren und für die Strukturstärkung gekämpft haben. Das heißt, ein großer Teil der Lausitzer Elite war dafür, die Kohle so weit wie möglich zu verlängern. Die Argumente, die sie dabei vorbrachten, dass die Region von der Kohle abhängt und dass beim Kohleausstieg die Lichter in der Lausitz ausgehen, sind aber weiterhin präsent im Kollektivbewusstsein der Region. Aber die Diskussion ist jetzt in eine andere Phase eingetreten. Es geht nicht mehr nur um die betroffenen Kommunen, sondern um die Suche nach Möglichkeiten, die Region voranzutreiben. 

Wie kommt man heraus aus diesem Dilemma? 
Ganz klar: Durch echte Partizipation. Ich höre an jeder Ecke, man wolle die Leute einbeziehen oder auch mitnehmen. Aber allzu oft handelt es sich dabei um eine Beteiligung zum Ankreuzen eines Kästchens. Ich habe in meinen Gesprächen sogar oft den Begriff Scheinbeteiligung gehört. Es gibt also eine deutliche Unzufriedenheit. Nichtsdestotrotz ist es eine gute Frage, welche Art von Beteiligung für ein solches Vorhaben geeignet ist, die ich gerne näher beleuchten würde. 

Beteiligung woran? 
Das sieht man beispielhaft an den Regionalen Begleitausschüssen in Sachsen, wo sich einige Mitglieder mehr Transparenz über Entscheidungen wünschen. Auch das Vertrauen muss gestärkt werden. Im Idealfall würde jede Kommune aus dem Prozess als Gewinner hervorgehen. Aber dann müssen sie davon überzeugt werden, dass es um eine umfassendere Vision geht, von der auch sie profitieren werden. Es ist noch zu früh, und diese Fragen sind noch nicht geklärt, aber sie müssen angegangen werden. Dass das nicht funktioniert, macht gerade jene Akteure skeptisch, die sich mehr Nachhaltigkeit wünschen. Die haben ganz andere Vorstellungen vom Strukturwandel – dringen aber damit nicht durch. Die fühlen sich nicht angesprochen. Ich denke, das spricht für eine Politik der Ermächtigung, die in diesem Zusammenhang sehr notwendig ist. 

Wo bleibt die Nachhaltigkeit beim Strukturwandel? 
Ich muss den Strukturwandel in der Lausitz auch aus der Sicht von jemandem betrachten, der die IPCC-Berichte gelesen hat und Artikel wie im PNAS-erschienen Hothouse Earth, wo die Kipppunkte diskutiert werden, die unsere Welt in die Unbewohnbarkeit führen könnten. Für alle, die versuchen, die ökologischen Probleme in Einklang mit gesellschaftlichen Prozessen zu bringen, heißt das, wir haben den größten Teil unseres Spielraums verloren. Ökologisch ist nun etwas viel Radikaleres gefordert, als das, was mit diesem eher klassischen Regionalentwicklungspaket auf dem Tisch liegt. Ich halte es für notwendig, diesen Strukturwandel auch an seinem Effekt für das Klima zu messen. Mein Wunsch wäre, dass die Lausitz ein Experimentierfeld in diesem Bereich werden könnte.

Tristam Barrett, 36, forscht am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden zu den sozialen Auswirkungen des Strukturwandels in der Lausitz. Der Sozialanthropologe stammt aus Schottland und hat in Cambridge mit einer Arbeit über politische Ökonomie und sozialen Wandel in Aserbaidschan promoviert. Zurzeit führt er im eine Befragung zu den sozialen Auswirkungen der Dekarbonisierung im Rahmen des vergleichenden EU-Projekts Entrances durch. Die Teilnahme ist bis zum 31. Mai möglich. Mit Tristam Barrett sprach Christine Keilholz. 

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