Sachsen und Brandenburg machen den Weg frei für Wasserstoff

Die Lausitz-Länder wollen beim Hype-Thema groß einsteigen. Allerdings hat Brandenburg für den digitalen Wasserstoff-Marktplatz einen anderen Partner gewählt. 

von Anja Paumen

Angebot und Nachfrage von Wasserstoff müssen schneller zueinander finden. Denn der Energieträger H2, wird dringend für den Ersatz fossiler Brennstoffe gebraucht, die CO2 ausstoßen. Für dieses Ziel sind die Lausitz-Wirtschaftsminister Jörg Steinbach und Martin Dulig (beide SPD) in Brandenburg und Sachsen landauf landab unterwegs. Kürzlich hat Steinbach mit seinem Berliner Amtskollegen, dem Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos), ein neues digitales Werkzeug vorgestellt. Der Wasserstoffmarktplatz Berlin-Brandenburg ist erst einmal eine Website.

Als eine „eine Mischung aus Partnerbörse und Ebay Kleinanzeigen“ beschreibt Oliver Arnhold, Geschäftsführer von Localiser RLI, das Online-Tool. Das Softwareunternehmen hat die Website im Unterauftrag des Reiner Lemoine Institut entwickelt und betreibt sie. Jeder kann sich kostenfrei anmelden, der in der Metropolregion Berlin und Brandenburg ins Wasserstoff-Geschäft einsteigen will. Damit setzt Brandenburg eine wichtige Maßnahme seiner Ende 2021 beschlossenen Wasserstoffstrategie um. 

7500 Arbeitsplätze in Reichweite

Wer sich ein Profil erstellt, gibt seine Geodaten an, sodass der eigene Standort auf der Berlin-Brandenburg-Karte angezeigt wird. Jeder Nutzer entscheidet, wieviel er preisgeben möchte oder schon kann. „In der ersten Woche haben sich bereits 140 Unternehmen registriert“, sagt Arnhold. Ein Erzeuger kann angeben, wieviel Wasserstoff bis wann in welcher Qualität er produzieren wird. Ein Verbraucher gibt an, wieviel von dem kostbaren Gas er wann in welcher Qualität braucht. Zu den möglichen Usern gehören Forschungsinstitute, Startups, Transport- und Energieunternehmen, Stadtwerke und Industrien.

Beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft haben diejenigen ein gutes Blatt, in deren Nachbarschaft sich große Windparks und Photovoltaik-Flächen befinden. Absolute Joker im Spiel sind geplante Anbindungen an ein künftiges Wasserstoff-Leitungsnetz. Das Allerwichtigste im Moment ist jedoch, die Mitspieler an einem Tisch zu versammeln. Genau das soll der digitale Marktplatz Berlin-Brandenburg erreichen. Die beiden Bundesländer wollen so „die Wasserstoffwirtschaft zum Hochlauf bringen“, wie es Steinbach formuliert. „Wir wollen die zusammenbringen, die Elektrolyseure herstellen, die, die sie betreiben, die Wasserstoff transportieren, ihn speichern oder wie auch immer verbrauchen.“ Eine Studie habe gezeigt, dass langfristig zehn Prozent der Elektrolysekapazität für Deutschland in Berlin-Brandenburg aufgebaut werden könne. Damit seien 7.500 Arbeitsplätze verbunden, so der Minister: „Das ist ein Potential, das wir heben müssen.“ Senator Schwarz ergänzt: „Wir sind ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, der sich im internationalen Wettbewerb befindet.“ Nur vereint lasse sich die Herausforderung der Transformation bewältigen.

Henne-Ei-Problem im Visier

Klar ist aber, dass die heimische Elektrolysekapazität auch zukünftig nicht ausreichen wird, um den Wasserstoffbedarf zu decken. Wasserstoff mithilfe von Elektrolyse aus grünem Strom in Deutschland herzustellen, ist für die Energiewende unerlässlich. Aber ohne Importe wird es nicht gehen. Deswegen interessiert sich die Industrie für die Streckenführung der künftigen Wasserstoffpipelines. Als der sächsische Wirtschaftsminister vor Kurzem auf Wasserstoff-Mission sächsische Betriebe besuchte, war das eine der meistgestellten Forderungen an ihn. Energieintensive Industrien wie Stahl und Chemie verknüpfen damit ihre Zukunft. Der Minister erklärte, es müsse künftig in die elektrischen Leitungen genauso wie in die Wasserstoff-Infrastruktur investiert werden. Dazu gehörten Pipelines genauso wie Tankstellen. „Wir müssen das Henne-Ei-Problem durchbrechen. Keine Wasserstoff-Tankstellen, dann keine Wasserstoff-Fahrzeuge. Keine Wasserstoff-Fahrzeuge, dann keine Wasserstoff-Tankstellen.“ Auch Sachsen hat Anfang des Jahres seine Wasserstoffstrategie beschlossen und macht nun Druck. „Nur mit grünem Wasserstoff schaffen wir die Klimawende bis 2045“, so Dulig. Die Frage sei nicht mehr, ob und wann man ihn brauche, sondern wie schnell und woher man ihn erhalte. 

Viele Bundesländer haben eigene Wasserstoffstrategien beschlossen, nachdem die alte Bundesregierung im Sommer 2020 die erste Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet hatte. Ziel der Bundesregierung war es, den Hochlauf grüner Wasserstofftechnologien einzuleiten. Zur gleichen Zeit hatte auch die Europäische Kommission ihre Europäische Wasserstoffstrategie veröffentlicht. Das zeigt, dass Klimaschutzpolitik in verschiedene Hierarchieebenen gegliedert ist. „Die EU gibt die groben Richtlinien vor und die Staaten übertragen das in nationales Recht“, sagt Sebastian Seier, Projekt-Manager bei der BET, einem Beratungsunternehmen der Energie- und Wasserwirtschaft. Im Moment sei die EU am Zug. Dort werde noch die genaue Definition von grünem Wasserstoff diskutiert, berichtet er. Davon hänge ab, wie ein Elektrolyseur geplant werden muss, damit er nachher wirklich grünen Wasserstoff hervorbringt und durch EU-Recht gefördert wird. 

Kooperations-Plattform in Begleitung

Mit den Wasserstoffstrategien setzen die Bundesländer eigene Akzente, wie etwa den digitalen Marktplatz. So lassen sich regionale Voraussetzungen abbilden und besondere Chancen und Risiken erkennen. Solche Werkzeuge bewertet Sebastian Seier als sehr sinnvoll. Er begleitet in seiner Arbeit häufig Stadtwerke, die ihm folgendes Problem schilderten: „Sie sagen, wir würden gerne mehr in die Wasserstoffwirtschaft investieren, aber für solche großen Investitionen brauchen wir eine gewisse Sicherheit, ob denn auch die Abnehmer da sind.“ Während die Verbraucher wiederum sagen würden, sie bräuchten Gewissheit, dass es überhaupt genügend Wasserstoff gibt. Daher, so Seier, sei eine Verkupplung beider Partner ganz zentral, um die Wasserstoffwirtschaft in Gang zu bringen. „Damit kann eine Unsicherheit beseitigt werden.“ 

Zusätzlich bietet die Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) seit kurzem die Kooperations-Plattform Brandenburg. Diese Website sei als ein Business-Netzwerk eine hervorragende Ergänzung zum digitalen Wasserstoffmarktplatz, verspricht Klaus Henschke, Clustermanager Energietechnik Berlin-Brandenburg. Auf der Plattform könnten sich Personen als Mitglieder ihrer Organisation oder ihres Unternehmens aus der Wasserstoffbranche anmelden und miteinander verknüpfen. Es lassen sich Untergruppen je nach spezifischem Interesse bilden, Firmennews posten oder in Chats und Videokonferenzen Gespräche beginnen. Freigeschaltet wird die Registrierung allerdings erst nach einer Prüfung der WFBB. Man wolle das nicht dem Zufall überlassen.  

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