Warum Brandenburg Gigafabriken vorzieht

Die Politik feiert Mega-Ansiedlungen von Industrie wie das Bahnwerk in Cottbus. Bei all dem Aaah und Oooh geht leicht unter, dass die regionale Wirtschaft kleinteilig ist. Wer hilft den Kleinen? 

Von Christine Keilholz

Gegenüber seiner SPD- und Amtskollegin Manuela Schwesig hat Dietmar Woidke einen Vorteil. Es ist kein russisches Staatsunternehmen, das ihm seine wichtigste Industrieansiedlung auf die grüne Wiese pflanzt, sondern ein agiler Groß-Investor mit Sitz in den USA. Aber das Prinzip zwischen Nord Stream 2 im mecklenburgischen Lubmin und Tesla in Grünheide ist das Gleiche: Große Industrieansiedlungen sollen Prestige und einen Hauch von Weltwirtschaft bringen. Im Osten Deutschlands kommen solche Projekte besonders gut an. Insbesondere dann, wenn sie Tausende von Arbeitsplätzen bringen. 

Die größte Industrieansiedlung in der brandenburgischen Lausitz hat noch dazu den Reiz, dass sie gleich von einem Staatskonzern vorgenommen wird. Die Deutsche Bahn setzt mit einem neuen Instandhaltungswerk den industriellen Leuchtturm in Cottbus. Und wenn am heutigen Dienstag Bundeskanzler Olaf Scholz, der Bahn-Vorstandschef Richard Lutz und der Parlamentarische Staatssekretär für Verkehr, Michael Theurer, kommen, um zusammen mit Woidke den ersten symbolischen Spatenstich zu feiern, dann wird damit auch irgendwie die Wiedergeburt von Cottbus als Industriestadt gefeiert. Das schmeichelt der regionalen Seele. Es werden wieder die Kennzahlen wiederholt, die erfreulich groß sind: Eine Milliarde Investitionssumme und 1200 Arbeitsplätze. Das Bahnwerk, größtenteils von auswärtigen Bauunternehmen hochgezogen, soll als Glücksfall für die ganze Region verstanden werden. 

Alles auf Arbeitsplätze 

Wirtschaftspolitisch zeigen die ostdeutschen Länder einen Hang zum Großen. Für die Politik ist es eben viel leichter, die Ansiedlung von großen Betrieben zu fördern. Das bringt auf einen Schlag viel Aufmerksamkeit und Hunderte von Jobs. Bekannte Investoren zu locken, gilt für ostdeutsche Regierungschefs noch immer als Ausweis von Fortune. Dass der Weg zum Spatenstich oft mit hohen Fördersummen verbunden ist, sieht die Öffentlichkeit nach – oder sie weiß es nicht. Dass die Tesla Gigafabrik im Eilverfahren durchgepeitscht wurde, regte allenfalls ein paar Umweltfreunde auf. Doch es hat die kollektive Freude über diese Ansiedlung nicht geschmälert. Im Gegenteil: Seither gilt Brandenburg als Musterbeispiel dafür, wie man große Wirtschaftsprojekte unkompliziert voranbringt. 

Gerade in der Lausitz, wo besonders viel Handlungsbedarf besteht. Man könnte glatt vergessen, dass der Strukturwandel darauf angelegt ist, die Lausitzer Wirtschaft aus der Abhängigkeit von den Monopolindustrien zu lösen. Die Kohlekommission erkannte die Notwendigkeit, in den Revieren eine „diverse Wirtschaft“ aufzubauen. Etliche Studien legten der Politik ans Herz, „die allgemeinen Voraussetzungen einer Region für Innovation, Unternehmensgründung und regionales Wachstum zu verbessern“. Doch in der Volksseele bleibt eben eine Gigafabrik mit 12.000 Jobs eher haften als tausend Mittelständler, die zwölf Leute einstellen. 

Hang zum Großen im Widerspruch zur Realität

Die Region ist von Vielfalt geprägt – und einer gewissen Kleinteiligkeit. Die ostdeutsche Wirtschaft ist nämlich von kleinen Firmen getragen. Von den 600.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in der Lausitz sind gerade noch rund 7000 beim Bergbau-Unternehmen Leag angestellt. Weitere 4000 arbeiten rund um BASF in Schwarzheide und nur 5000 im Cluster von Siemens in Görlitz. Der übergroße Rest aber ist bei kleinen Firmen, im Handwerk, in Handel und Dienstleistungen beschäftigt. 

Trotz dieser Übermacht hat der Lausitzer Mittelstand kein erkennbares mittelständisches Selbstbewusstsein entwickelt. Vom großen Bahn-Reparaturwerk profitieren die örtlichen Gewerke kaum. In der Debatte um Strukturwandel, Arbeit und Zukunft melden sich Handwerksmeister kaum zu Wort. Als umtriebiger Wirtschaftsminister ist Jörg Steinbach oft in der Lausitz unterwegs. Allerdings meist bei Leag, BASF oder der BTU Cottbus-Senftenberg, die beide Industrie-Leuchttürme mit Fachpersonal versorgen soll. Man fühlt sich eher am Puls der Zeit, wenn irgendwo in der Nähe ein Schlot raucht. Und sicherer sowieso, gerade beim Thema Jobs. 

Lieber als Eigengewächse sind Bosch, Bahn oder Intel

Der Glaube, dass es an Arbeitsplätzen fehlt, ist in Ostdeutschland weit verbreitet. Daran ändert auch der Fachkräftemangel wenig, der an vielen Ecken des Arbeitsmarkts mit Händen zu greifen ist. Obwohl sich die Arbeitsmarktlage bereits seit etwa 15 Jahren entspannt, sind viele Lausitzer überzeugt, es fehle an Arbeitsplätzen. Der Mangel an Job-Perspektiven, der in einzelnen Bereichen sicher zutrifft, ist zum Narrativ für die ganze Region und ihre Wirtschaft geworden. Gemeint sind meist Industriearbeitsplätze, für die es keinen Hochschulabschluss braucht.

Das prägt auch das Denken über den Strukturwandel. Dessen größte Herausforderung ist nicht etwa, die 7000 Leag-Mitarbeiter in neue Beschäftigung zu bringen. Denn deren Berufsprofile werden in Lausitzer Unternehmen händeringend gesucht. Größer wird die Herausforderung, genug Personal für all die großen Ansiedlungen zusammen zu bekommen – ob es das Bahnwerk ist oder auch die Knappschaft Bahn-See, die schon Schwierigkeiten angemeldet hat, ihre langen Flure mit Leben zu füllen. 

Der Hang zum Großen ist keine brandenburgische Spezialität, das zeigt die Freude über die Ansiedlung von Bosch in Dresden oder Intel in Magdeburg. Mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung setzt der Osten noch immer auf Ansiedlungen von außen als auf Eigengewächse.

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