Schlechte Leuchtturmpolitik bringt die kleinen Firmen unter die Räder. Foto: Pixabay

„Schlechte Leuchtturmpolitik bringt kleine Projekte unter die Räder“

Leuchtturmpolitik kann klappen, sagt Stefan Zundel. Der Neuen Lausitz hat der BTU-Wirtschaftsprofessor gesagt, welche Beispiele in der Lausitz funktionieren. Und warum eher nicht in Sachsen. 

Frage: Herr Zundel, gibt es einen Vorsprung Ost oder ist das nur ein Schlagwort?
Stefan Zundel: Das ist eine politische Formulierung, die einen Anspruch deutlich machen soll. Ein Teil der brandenburgischen Lausitz hat die Chance einer aufholenden Entwicklung und kann aus der Reihe der peripheren Regionen ausbrechen. Der ökologische Strukturwandel sorgt für eine Neuverteilung der ökonomischen Aktivitäten im Raum. Wo früher Standortvorteile waren – für die Braunkohle in der Nähe der Tagebaue oder für die Automobilbranche in der Nähe von Maschinenbau – wird jetzt neu sortiert. Parallel dazu dezentralisiert sich die Energieversorgung. Das gilt bundesweit und ist für alle peripheren Regionen eine Chance. Besonders für die, die planvoll an das Thema herangehen. 

Wie sinnvoll sind dabei Leuchtturmprojekte? 
Leuchtturmprojekte sind nicht falsch, wenn damit Strukturen entwickelt werden. Das Bahnwerk in Cottbus kann als Leuchtturmprojekt etwas entwickeln, weil es im Kontext der Forschung steht, etwa durch die Antriebe der Lokomotiven, die an der BTU erforscht werden. Gut ist auch, dass die Bahn mit der Leag kooperiert. Und wenn beim Bau des Bahnwerks auch kleine Unternehmen der Region einbezogen werden, dann bleibt auch Geld in der Region – denn große Baukonzerne haben wir in der Lausitz ja nicht. Wir sollten keine Gegenüberstellung aufbauen zwischen den großen und den kleinen Playern im Strukturwandel. 

Stefan Zundel, lehrt seit 1997 Volkswirtschaft in Senftenberg. Studiert hat er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg, promoviert 1993 an der Freien Universität Berlin mit der Dissertation „Der methodologische Status der Rationalitätsannahme in der Ökonomie“. Danach war er bis 1996 Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. 

Welchen Klang hat das Wort „Leuchtturmpolitik“ für Sie?
Es hat einen guten Klang und einen weniger guten. Den guten Klang hat Tesla. Das ist die Ansiedlung, die die ganze Region auf den Sichtschirm potenzieller Investoren bringt. Der Osten Brandenburgs, der im toten Winkel der Republik lag, ist plötzlich wahrnehmbar. Laut Wirtschaftsförderung ist seit Tesla die Anfrage von Investoren um 20 Prozent gestiegen. Aber es gibt auch die weniger gelungenen Leuchttürme, nämlich Orte wo der Staat einfach nur viel Geld investiert hat. Es gibt eine unglückliche Tradition, die Mittel dort zu konzentrieren, wo es den größten medialen Effekt hat. Man fördert dann lieber ein Werk mit 12.000 Arbeitsplätzen als 100 Mittelständler mit je 120. Schlechte Leuchtturmpolitik ist, wenn kleinteilige Projekte unter die Räder kommen. 

Wird in der Lausitz gute oder schlechte Leuchtturmpolitik gemacht? 
Ich sehe da einen Unterschied zwischen Brandenburg und Sachsen. Die brandenburgische Lausitz hat die Chance einer aufholenden Entwicklung. Ökonomisch bedeutet das, dass sich das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen sich an den Bundesdurchschnitt angleicht. Es war das Schicksal der Lausitz seit Jahrzehnten, dass sie wirtschaftlich immer eine randständige Region geblieben ist, unabhängig davon, was die Politik gemacht hat. Jetzt aber können durch Ansiedlung von Wissenschaftseinrichtungen kritische Massen gebildet werden, die womöglich auch neue Industrieansiedlungen bringen und die Region wettbewerbsfähiger machen. Das trifft natürlich nicht auf jede Teilraum der Lausitz zu. Der Elbe-Elster-Kreis wird auf absehbare Zeit eine ländliche Region bleiben. Aber das ist auch nichts Schlechtes; nicht überall in der Lausitz sollte es so aussehen wie in Berlin Adlershof. 

Und wie steht es um die sächsische Lausitz? 
Ostsachsen ist zu weit weg, um eine Spange mit Berlin zu bilden. Es gibt dort viele verteilte urbane Zentren. Da kann man kaum eine kritische Masse von Wissenschaft konzentrieren. Die Struktur ist heterogen und man sieht momentan noch nicht so richtig, wie die sächsische Seite vom ökologischen Strukturwandel profitieren könnte. Überdies ist die Governance des Strukturwandels in Sachsen nicht glücklich. Es läuft so, dass die Kommunen ihre Interessen vortragen und das Land versucht, gleichmäßig zu verteilen. Das sieht aus wie ein guter lokaler Proporz, aber es fehlt eine erkennbare gemeinsame Entwicklungsvorstellung. 

In Ostsachsen soll ein Großforschungszentrum entstehen, eine der größten Forschungseinrichtungen in Deutschland. Wo soll es am besten hin? 
Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten. Erstens eine kritische Masse zu bilden mit der Wissenschaft, die schon da ist. Dann muss man nach Zittau oder Görlitz. Oder zweitens, man sieht dieses Zentrum als Kompensation, dann muss es nach Weißwasser, also ins Zentrum des Kohleausstiegs. Schlecht wäre, es dem Proporz der Kommunen zu überlassen. Rathäuser haben ihre verständlichen Interessen, aber die tun einem Projekt von wissenschaftlicher Bedeutung nicht gut. 

Welche Leuchttürme sind wichtiger, die industriellen oder die wissenschaftlichen?
Da sehe ich kein entweder oder. Es kommt aber darauf an, die wissenschaftlichen Leuchttürme wie den Lausitz Science Park nicht der wissenschaftlichen Eigendynamik zu überlassen. Wissenschaftler haben kein genuines Interesse daran, Wirtschaft zu fördern. Sie wollen wissenschaftliche Reputation. Strukturwandel erfordert aber, dass Wissenschaft sich in die Wirtschaft einbringt. Das wird Aufgabe der Politik, das auch zu einzufordern, damit es zu dem Transfer kommt, den die regionale Wirtschaft dringend braucht. Ganz viel in Wissenschaft zu investieren, funktioniert nicht automatisch. 

Sehen Sie schon Fortschritte? 
Wir sehen bereits Investments aus dem Bereich des ökologischen Strukturwandels, etwa die geplante Batteriefabrik in Schwarzheide oder die Ansiedlung von Rock Tech in Guben. Zweitens zielen Anfragen auf großen Gewerbegebiete. Da gibt es nicht mehr so viele in unmittelbarer Berlin-Nähe. Aber es reicht nicht mehr, gut angebundene Flächen ohne Altlasten anzubieten. Auch die mediale Versorgung mit Strom oder Wasser muss stimmen. Da hilft es nicht, in jeder Gemeinde ein Gewerbegebiet zu fördern. Da muss sich die ganze Region verständigen und Schwerpunkte entwickeln. Schwarze Pumpe und Schwarzheide sind solche Schwerpunkte. 

Mit Stefan Zundel sprach Christine Keilholz.

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