Handwerk klagt über Nachwuchsmangel und fehlende Wertschätzung. René Kruner erlebt das Gegenteil. In seiner Werkstatt in Weißwasser erfindet der gelernte Glasmacher ein Handwerk neu, das nicht einmal sein eigenes ist.

Wie ein Hobbytischler in Weißwasser das Handwerk retten will

Handwerk klagt über Nachwuchsmangel und fehlende Wertschätzung. René Kruner erlebt das Gegenteil. In seiner Werkstatt in Weißwasser erfindet der gelernte Glasmacher ein Handwerk neu, das nicht einmal sein eigenes ist.

von Christine Keilholz

Alexander Bastian greift in den Stapel. So ein altes Brett, das krumm und schief ist, das ist schon faszinierend. „Wenn man das hernimmt und überlegt, was daraus werden kann. Und dann baut man ein Möbelstück daraus, das sich jemand in die Ecke stellt, das wirklich genutzt wird.“ Bastian ist 32 und hat lange gebraucht, bis er die Faszination seines Handwerks wiederentdecken konnte. In der Lehre und in seinen ersten Jahren als ausgelernter Tischler war dafür wenig Raum. Da war er manchmal wochenlang auf Montage, hat auf Großbaustellen Fenster eingebaut. Da gab es keine krummen Bretter, nur Industrieholz. Was er jetzt macht, hat damit wenig zu tun. 

Bastian arbeitet mit knorrigen alten Brettern in der Werkstatt von René Kruner. Der ist zwar nicht vom Fach, sondern gelernter Glasmacher, aber er betreibt die coolste Holzwerkstatt in Ostsachsen. Unter dem Label Saf Artifex erfinden die beiden Männer in Weißwasser das Tischlerhandwerk neu. Saf Artifex ist Kruners Künstlername. Die Geschichte des gleichnamigen Betriebs zeigt, wie verschlungen die Wege des Handwerks heute sind. 

Typ schöpferischer Multi-Handwerker 

Kruner und Bastian lieben Holz. Sie können Maschinen bedienen und erkennen auf den ersten Blick das Potenzial in jedem Brett. Aber das, was sie machen, sind eigentlich Kunstobjekte, die jenseits der Ordnung von Zunft und Kammer entstehen und ihre Kunden finden. Gerade hat Kruner ein Plattenregal ausgeliefert, das ein bekannter Lausitzer Politiker bestellt hat. Für die knorrigen Holzobjekte gibt es eine wachsende Kundschaft in der Region. Die findet das, was sie sucht, in der Telux in Weißwasser. In der alten Leuchtstoffröhrenfabrik ist ein vibrierendes Zentrum der Kreativkultur entstanden. Hier füllt neues Handwerk die alten Hallen. 

Klar ist das Handwerk, was er macht, sagt Kruner. „Handwerk ist für mich Geduldsarbeit, die mit den Händen entsteht.“ Glas akkurat in Form zu blasen, hat ihn damals Jahre an Training gekostet. Eine Fertigkeit, die er seit Jahren nicht mehr braucht. Sein Leben verlief anders, als die Handwerkerlaufbahn es vorgesehen hätte. Kreativ war er schon immer, seine Graffitis waren schnell gefragt. Und Holz liegt irgendwie in seiner DNA, das hat ja jeder gemacht. In jedem Hinterhof gab es eine Holzwerkstatt, wo Leute Möbel zusammengebaut haben. „Handwerk stirbt aus“, sagt Kruner. Dem will er etwas entgegensetzen. 

Im Notfall zeigt ein YouTube-Video, wie es geht 

Saf Artifex steht für ein Handwerk 2.0, das nicht mehr über die duale Ausbildung in den inhabergeführten Meisterbetrieb führt. Sondern das auf Kreativität setzt und über Umwege neue Werkstätten hervorbringt. Während die klassischen Ausbildungsgänge unter Nachwuchsmangel leiden, strömt aus einer anderen Richtung etwas ins Handwerk ein. Da sind etwa Leute, die aus Bürojob kommen oder mal studiert haben, und etwas anderes machen wollen. 

Auf diese Weise entstehen Schneiderateliers in Dresden-Neustadt oder eben Tischlereien in leeren Fabrikhallen in der Oberlausitz. Da erleben alte Techniken eine Renaissance für neue Produkte. Und im Notfall hilft ein YouTube-Video, um zu lernen, wie man gebogenes Holz verleimt. Kruners Umweg führte über Glas und Graffiti-Kunst. Das hat ihn zum schöpferischer Multi-Handwerker gemacht. 

Ganze Scheunen voller Altholz 

René Kruner ist 42. Seine Laufbahn als Industrieglaswerker begann Mitte der 1990er Jahre mit einer einzigen Bewerbung, die angenommen wurde. Als Weißwasser noch eine Glasmacher-Stadt war, fingen ganze Jahrgänge ihre Lehre in dem Beruf an – dessen Werkstätten heute fast alle abgewickelt sind. Kruners Familie ist in der Stadt verwurzelt, beide Großväter waren Glasmacher. Ein Relikt dieser Industrie ist die Werkstatt in der Telux, dort war mal die Dreherei des Leuchtstoffröhrenwerks. Kruner hat die Räume 2020 gemietet und umgebaut. Er brauchte Platz für sein wachsendes Graffiti-Geschäft. Zum Holz kam er über seine damalige Freundin. Die Telux ist das schlagende Herz der Oberlausitzer Kreativwirtschaft. Weiter hinten auf dem Gelände ist ein Café. Dazwischen haben sich Künstler und Designer eingemietet. 

Die Leute schätzen wieder echte Sachen, auch in der ländlichen Oberlausitz, wo die Einkommen nicht üppig sind. René Kruner ist stolz darauf, hier etwas anbieten zu können, das echt und hochwertig ist. „Ich kann mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, woher mein Holz kommt“, sagt er. Draußen vor der Werkstatt liegt eine Ladung alter Balken. Eine ganze Scheune voller Holz war das. Kruner wird immer öfter angerufen, wenn wieder eine Scheune dem Tagebau zum Opfer fällt. Dann fragen ihn die Besitzer, ob er das Holz brauchen kann. Seine Kunst, alte Bretter zu neuem Leben zu verhelfen, hat sich herumgesprochen. Dabei macht er nicht einmal Werbung. „Ich bin meistens in meiner Werkstatt“, sagt er, „alle in der Stadt wissen, dass sie mich hier treffen können.“ 

Dieser Text ist zuerst erschienen im Magazin „Einblick“ der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, Ausgabe 15. 

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