„Das kann Aufmerksamkeit und gute Arbeitsplätze bringen und ist ein Grund weniger für unsere jungen Leute, hier wegzuziehen.“ Das Deutsche Zentrum für Astrophysik stellt sich in Ralbitz-Rosenthal vor. Foto: red

Ein Grillfest für ein Teleskop

Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) gilt als heißester Anwärter auf das Lausitzer Großforschungszentrum. Damit es klappt, setzen die Forscher vor Ort auf die Überzeugungskraft von Bratwurst.

Von Christine Keilholz

Die Professoren haben schon eine Weile alles Mögliche erklärt, da meldet sich eine Frau aus dem Publikum. Das klinge ja alles ganz toll, was hier erzählt werde, sagt sie. „Aber Sie reden die ganze Zeit von Ralbitz-Rosenthal, dabei sind wir hier in Cunnewitz.“ Professor Stegmann äußert Bedauern, er sei nicht so gut in Geografie. Christian Stegmann ist Physiker und Direktor des Deutschen Elektronen-Synchrotons (Desy) im brandenburgischen Zeuthen. Sein Fachgebiet ist Astroteilchenphysik. 

Aber das hier ist Cunnewitz im Sorbenland: Saftige Streuobstwiesen, gehegte Vorgärten, ein Kruzifix vor jedem Gehöft, tiefenentspannte Menschen und schlechter Internetempfang. Hier hat Stegmann zusammen mit seinen Partnern vom Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) Bohrungen durchführen lassen – und das Gestein für würdig befunden, ein gigantisches Gravitationsteleskop zu tragen. Nur noch einen Steinwurf sind die Forscher davon entfernt, es bauen zu können. Da kann die Nichtkenntnis von Dörfern die Sympathien kosten, die Stegmann jetzt dringend braucht. 

Kein Projekt kann gewinnen, das die Bevölkerung nicht will 

Das Auswahlverfahren für das Lausitzer Großforschungszentrum ist auf der Zielgeraden. Im Herbst soll die Entscheidung beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fallen. Das Großforschungszentrum in der Oberlausitz ist eines der Kernprojekte des Strukturwandels in Sachsen mit den Dimensionen von 175 Millionen Euro Budget jährlich – fast das Doppelte der BTU Cottbus-Senftenberg – und knapp 2000 Jobs, die meisten davon für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – 500 mehr als die BTU. Und als ob das noch nicht reichen würde, soll ein zweites, gleich großes Zentrum im mitteldeutschen Revier entstehen. 

Bund und Freistaat wollen auf diese Weise Spitzenforschung und Strukturentwicklung verbinden. Was das in der Praxis heißt, wird an diesem Abend in der Gemeinde Ralbitz-Rosenthal, Ortsteil Cunnewitz, deutlich. Am Grill treffen zwei Welten aufeinander. Die rund 150 Gäste, die sich im Hof des Vereinshauses versammelt haben, erfahren einiges über die Mechanismen deutscher Forschungspolitik. Gesteinsproben wandern von Hand zu Hand. Nach welchen Kriterien genau das Forschungsministerium auswählt, ist nicht ganz klar in diesem Verfahren. Aber so viel steht fest: Die Lausitzer Interessen spielen eine Rolle. Kein Projekt kann gewinnen, wenn die Bevölkerung es nicht will. Deshalb der Grillabend in Cunnewitz.

Kreis, Kommunen und Sorben outen sich als Astro-Freunde 

Der Abend in ist Teil einer Charmeoffensive. Von den sechs Projekten in der Endrunde ist das DZA ist der heißeste Anwärter. Denn dieses Zentrum ist gleichzeitig als Teil der europäischen Forschungslandschaft gedacht. Die Europäische Raumfahrt-Agentur ESA braucht dieses Teleskop. Nur drei Standorte in Europa kommen dafür in Frage – einer davon ist Ostsachsen, wo genau jetzt ein Großforschungs-Projekt gesucht wird. Das passt perfekt. 

Der Landrat ist gekommen, die Bürgermeister von Hoyerswerda und Kamenz sind da, ebenso der Chef des Sorbenverbands Domowina. Sie alle outen sich als Unterstützer des Projekts. Obwohl bereits feststeht, dass das Großforschungszentrum in Görlitz angesiedelt werden soll, weil dort der Ministerpräsident seinen Wahlkreis hat. Aber die Forscher haben zugesichert, dass auch hier im Kreis Bautzen etwas entstehen soll. Für den Ralbitz-Rosenthaler Bürgermeister, Hubertus Rietscher, liegen die Vorteile auf der Hand: „Das kann Aufmerksamkeit und gute Arbeitsplätze bringen und ist ein Grund weniger für unsere jungen Leute, hier wegzuziehen.“ 

Schadet Forschung der Dorfkultur? 

Nicht allen an den Biertischen ist die Sache geheuer. Stegmann kommt kaum hinterher, alle Fragen zu beantworten. Eine Frau will genau wissen, wer denn haftet, wenn es Probleme mit Wasser oder sonstigen Belastungen gebe. Ein Bauunternehmer, der sich als Kenner des hiesigen Gesteins vorstellt, macht sich Sorgen wegen Rissen, Erschütterungen und Schwingungen. Der Rentner, der ganz hinten seine Wurst isst, hat andere Bedenken: „Mir geht es sehr darum, die dörfliche Kultur zu erhalten“, sagt er. Die sei hier nun mal sorbisch und katholisch. Was passiere, wenn Zuzügler kommen, habe er in Nachbargemeinden gesehen. Alteingesessene hier, Neue da und dazwischen ein Riss. Das wolle er nicht. „Aber diese jungen Wissenschaftler werden hier wohl kaum herziehen“, sagt er. Astroforschung findet er prinzipiell gut, also ist er dafür. 

Es kommt jetzt darauf an, das Projekt gut zu erklären“, sagt Günther Hasinger. Der gebürtige Bayer ist Forschungsdirektor bei der ESA in Madrid. In Cunnewitz verbreitet er im Kurzarmhemd gute Laune. Durch die Schulen der Umgebung ist er schon gezogen, hat Bohrkerne vorgezeigt und den Schülern gezeigt, was für Schätze unter ihren Füßen liegen. Sein Team sei hier gut aufgenommen worden, sagt Hasinger. „Es ist viel Interesse da für das, was wir vorhaben.“  

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