"Ähnlich wie bei den Zulassungen für Impfstoffe brauchen wir Schnelligkeit bei der Zulassung neuer Entwicklungen im Bausektor, um die Klimaziele zu erreichen", sagt Manfred Curbach. Foto: TU Dresden

„Ohne das Großforschungszentrum schaffen wir die Klimaziele nicht“

Die Entscheidung zum Großforschungszentrum in Ostsachsen steht kurz bevor. Manfred Curbach ist einer der sechs Finalisten. Im Interview mit Neue Lausitz sagt der Dresdner Bau-Professor, warum sein Projekt „Lausitz Art of Building“ (LAB) unerlässlich ist, um das Klima zu retten. 

	 "Ähnlich wie bei den Zulassungen für Impfstoffe brauchen wir Schnelligkeit bei der Zulassung neuer Entwicklungen im Bausektor, um die Klimaziele zu erreichen", sagt Manfred Curbach.  Foto: TU Dresden

Manfred Curbach, geboren 1956 in Dortmund, ist Bauingenieur und Direktor des Instituts für Massivbau der TU Dresden. Curbach ist Mitglied der Leopoldina und wurde im Februar 2022 Fellow der FIB (Fédération internationale du béton). Er gilt als einer der führenden Experten für Carbonbeton. Foto: TU Dresden

Frage: Herr Prof. Curbach, Sie bewerben sich um das Großforschungszentrum (GFZ) in Ostsachsen. Warum wäre es richtig, so viele Ressourcen dem Thema Bauen zukommen zu lassen? 

Manfred Curbach: Ich antworte mit drei Zahlen: das Bauwesen hat einen Anteil von elf Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt, ist aber verantwortlich für 25 Prozent deutscher Emissionen. Da müsste man denken, dass viel Forschung betrieben würde, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Aber das Bundesministerium für Bildung und Forschung steckt nur 0,27 Prozent seiner Forschungsgelder in die Bauforschung. Unser Projekt „Lausitz Art of Building“ (LAB) ist die einmalige Gelegenheit, in der Forschung deutlich nach vorn zu kommen, um den CO2-Ausstoss schnell zu senken. 

Warum können wir nicht einfach weiter mit Beton, Stahl und Holz bauen? 

So, wie wir im Moment bauen, erzeugen wir jede Menge CO2. Das lässt sich am Beton deutlich machen, weil wir als einen Bestandteil Zement haben. Die Zementherstellung verursacht sieben bis acht Prozent des globalen CO2-Ausstoßes. Davon gehen zwei Drittel auf den chemischen Prozess der Herstellung zurück. Wir werden auch in Zukunft auf einen Massenbaustoff wie Beton nicht verzichten können. Aber wir müssen ihn so drastisch verändern, dass er mit dem heutigen Beton kaum noch etwas gemeinsam hat. Auch Herstellung und Transport von Stahl und Holz setzen große Mengen CO2 frei. Wir müssen also nicht nur die Baumaterialien verändern, sondern Herstellungsverfahren, Transportwege und dergleichen. 

Welchen Beitrag könnte ein Forschungszentrum zu diesem Ziel leisten? 

Vielleicht den entscheidenden Beitrag. Sollten wir nicht für das Großforschungszentrum ausgewählt werden, würden die Probleme damit nicht gelöst. Ich wüsste nicht, wie man ohne GFZ so schnell an diesen Problemen arbeiten könnte. Während der Bewerbungsphase sagten uns viele Unternehmen, sie wüssten, dass CO2-ärmer gebaut werden muss – aber eben nicht wie. Eine wichtige Behörde ist das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), welches für die Genehmigungsverfahren neuer Entwicklungen zuständig ist. Der Präsident des DIBt hat uns zugesagt, eine Niederlassung des Instituts neben unserem Zentrum einzurichten. Ähnlich wie bei den Zulassungen für Impfstoffe brauchen wir Schnelligkeit bei der Zulassung neuer Entwicklungen im Bausektor, um die Klimaziele zu erreichen. Diese Schnelligkeit können wir nur mit dem Großforschungszentrum und angebundener DIBt-Niederlassung erreichen. 

Wie weit sind wir denn bei der Entwicklung neuer Baustoffe und Herstellungsverfahren? 

Einen großen Schritt haben wir durch den Carbonbeton getan. Wir haben das Material, das korrodieren kann – den Stahl – herausgenommen und stattdessen Carbon eingelegt. Carbon muss nicht vor Rost geschützt werden, während bei Stahlbeton viel Beton eingesetzt werden muss, um den Stahl zu schützen. Mit Carbon kann dünner gebaut werden. Das spart Material. Der Carbonbeton ist ein großer Mosaikstein im gesamten Bild der sich verändernden Werkstoffe und Werkstoffkombinationen. 

Dürre, Hitzewellen, Flutkatastrophen – wie hängen die Stoffe, mit denen wir bauen, und ein sich rasant verändernder Planet zusammen? 

Temperaturerhöhung und extreme Wetterlagen lassen sich direkt auf den erhöhten CO2-Ausstoß zurückführen, der auch aus dem Bausektor kommt. Der Sommer 2022 zeigt uns, dass der Klimawandel immer näher an Mitteleuropa herankommt. Wir müssen schnell handeln, um bis 2045 klimaneutral zu werden. Davon darf uns auch keine Energiekrise abbringen, denn der Klimawandel macht keine Pause. 

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für das Planen, Bauen und Wohnen in der Zukunft? Worauf müssen wir achten? 

Wir müssen im sehr viel stärkeren Maße ganzheitlich denken. Es reicht nicht, ein paar neue Baustoffe zu entwickeln. Das Wohnen, das Bauen und die dazugehörige Industrie müssen über die gesamte Wertschöpfungskette neu gedacht werden. Wenn wir als Gesellschaft wissen, wie wir in der Zukunft wohnen, arbeiten wollen und uns fortbewegen wollen, dann kann auch der Prozess des Bauens neu gestartet werden – mit neuen Materialien und Materialkombinationen, mit Fertigungsverfahren und Digitalisierung. 

Können Sie konkrete Beispiele geben für Bereiche, die sich verändern müssen?

Unsere Gebäude müssen sehr viel stärker mit regenerativen Energien versorgt werden. Vielleicht die größte Aufgabe im Energiesektor wird sein, die Gebäude mit eigenen Speichern auszustatten. Die Begrünung von Häusern wird wichtig werden, um die Aufheizung von Gebäuden und Städten zu begrenzen. Man muss solche Vorhaben bereits bei der Stadtplanung mit Biologen, Städteplanerinnen und Statikern planen und mehr zu einem Quartierdenken kommen. So können alte Gebäude von neuen Speichertechnologien oder Begrünungen von Neubauten profitieren.  

Die Entscheidung über den Standort des GFZ steht nun an. Worauf kommt es für Sie als Bewerber jetzt an? 

Jetzt wird sicherlich die Politik noch mitreden – vorausgesetzt, wir haben bei den Gutachtern gut genug abgeschnitten. Es geht einerseits um den Klimawandel und dessen Begrenzung aber auch um die Wirkung, die vor Ort entstehen soll. Da wir so viele Unternehmen dabeihaben, die bereit sind, neben dem LAB zu investieren, könnten da in den nächsten 15 bis 20 Jahren bis zu 40.000 Arbeitsplätze entstehen. Das geht nur durch Zuzug von jungen Leuten aus der ganzen Welt, was das Durchschnittsalter der Lausitz senken und neue Perspektiven in der Region eröffnen würde. 

Mit Manfred Curbach sprach Robert Saar. 

Dies ist ein Text aus dem Neue Lausitz Briefing vom 20. September 2022.

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