"Frauen in der Lausitz sind stärker als Männer vom Nahverkehr abhängig und öfter von Lohndumping betroffen", sagt Sozialwissenschaftlerin Franziska Stölzel. Dafür müsse die Politik schnell Lösungen finden, damit nicht noch mehr junge Frauen die Lausitz verlassen. Foto: Tine Jurtz

Die Lausitz ist nicht attraktiv genug für Frauen

Junge Frauen verlassen in Scharen die Lausitz. Kein Wunder, sie fühlen sich benachteiligt. Das muss die Politik stärker berücksichtigen, sonst lässt sich das Demografie-Problem nie lösen. 
Von Franziska Stölzel

Gründe, nicht in der Lausitz wohnen zu wollen, gibt es viele – und sie sind über die Region hinaus bekannt: Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Kohleausstieg, Rechtsextremismus bestimmen leider das Bild der Lausitz. Ich selbst habe mich zeitig dafür entschieden, im Landkreis Görlitz zu bleiben, obwohl es viele andere Möglichkeiten gegeben hätte. Ich wollte helfen, meine Heimat von Grund auf neu zu gestalten. Ich wollte die Themen einfließen lassen, die sonst kaum jemand mitbringt – Nachhaltigkeit, Jugendbeteiligung und Zukunftsvisionen. Viele andere junge Leute gehen aber. Vor allem jene, die sehr dringend gebraucht werden: junge Frauen. 

Das Problem Frauenmangel im Osten Sachsens ist durch einige Studien nachgewiesen. Aber in der Politik scheint es noch nicht angekommen zu sein. Das muss sich schnell ändern, denn das Problem wird größer. Ostdeutschland hat einen so immensen Frauenmangel, wie es sich nirgends sonst in Europa so deutlich zeigt. Die verantwortlichen Akteur*innen in Politik und Verwaltung müssen berücksichtigen, dass das Fehlen der Frauen ein Problem ist, welches nicht länger auf der Warteliste stehen kann. 

Nur jede fünfte Frau will zurückkehren

Der Frauenmangel ist in Teilen ein Erbe der Abwanderung der Nachwendezeit. Bereits in den 1990er Jahren waren in vielen Teilen Ostdeutschlands mehr junge Männer zwischen 18 und 29 Jahren geblieben als Frauen. Zwar verlor der Osten in den ersten zwei Jahren nach dem Fall der Mauer mehr Männer als Frauen – danach aber zog es überproportional viele Frauen in die West-Bundesländer. Diese Abwanderung war ein historischer Einzelfall – aber bald setzte eine neue Wanderungsbewegung ein, die den ländlichen Regionen wie der Lausitz bis heute zu schaffen macht. 

Franziska Stölzel, 27, ist Sozialwissenschaftlerin für Transformationsprozesse und sozialen Wandel. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Kohleregionen weltweit. Sie lebt in Weißwasser und ist dort in verschiedenen Projekte aktiv, wie dem Soziokulturellen Zentrum Telux, dem Frauennetzwerk „F wie Kraft“ oder der Initiativgruppe Stolpersteine für Weißwasser. 

Neue Wanderungsströme innerhalb Ostdeutschlands sind geprägt von Landflucht. Vor allem junge Frauen zieht es in die größeren Städte. Die Görlitzer Sozialwissenschaftlerin Julia Gabler wies schon 2016 nach, dass überdurchschnittlich viele junge Frauen mit höherem Bildungsabschluss den Landkreis Görlitz verlassen. Das zieht sich durch die ganze Lausitz, sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg. Das Ausmaß dieser Wegzüge offenbarte zuletzt der Lausitzmonitor von 2021. Die repräsentative Befragung zeigte, dass viele junge Menschen bis 39 Jahren die Lausitz verlassen wollen. Männer können sich aber eher vorstellen, später in die Heimat zurückzukehren. Bei den befragten Frauen lag dieser Wert bei 20 Prozent. Das bedeutet, dass nur jede fünfte Frau, die bald weggehen will, auch zurückkehren möchte.

Warum das so ist – auch das schält sich aus verschiedenen Studien heraus. Frauen fühlen sich in der Lausitz benachteiligt. Junge, vor allem höher qualifizierte Frauen in der Lausitz haben – im Gegensatz zu jungen Männern – weniger Chancen auf einen sehr gut bezahlten Job, da noch immer geschlechterspezifische Auswahlkriterien für Berufe vorherrschen. 

Frauen fühlen sich benachteiligt

Technische, für die Region überdurchschnittlich gut bezahlte Arbeitsplätze gibt es im Bergbau, in der Energiewirtschaft, im Metall- und Industriesektor. Frauen, die eher im Sozialen-, Gesundheits-, oder Pflegesektor arbeiten, zudem Kinder und Familie miteinander tarieren müssen, haben in der ländlichen Lausitz weniger Möglichkeiten für einen Jobwechsel. Auch bei der Mobilität haben Frauen schlechtere Karten. Sie sind häufiger als Männer vom Nahverkehr abhängig, der in Dresden, Leipzig und Berlin natürlich weitaus mehr bietet als im Dorf, nahe der Grenze zu Polen oder Tschechien. Die Grenzregion wird von den politischen Akteuren oft als „im Herzen Europas“ gepriesen. Für die Frauen im Niedriglohnsektor bedeutet diese Lage jedoch viel eher Ersetzbarkeit und Lohndumping, da osteuropäische Arbeitskräfte für viel weniger Geld arbeiten. 

Was muss sich verändern, um die Lausitz als Modellregion auch für Frauen attraktiv zu machen? Die empfundene Benachteiligung wird ähnlich wie ein wirtschaftlicher Abschwung empfunden, in Ostdeutschland kommt beides zusammen. Wir brauchen also Unternehmensansiedlungen, die gute Jobs für Männer wie für Frauen schaffen. Das könnte durch spezielle Förderungen vor allem für Unternehmen, die sich im Osten ansiedeln möchten, gelingen. 

Neue Arbeitsmodelle für alle

Des Weiteren gilt es, die Löhne für die Sozial-, Pflege-und Gesundheitsberufe auf die tatsächlichen Belastungen der Arbeitskräfte anzupassen. Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie ist dies überfällig. Da es die besseren Qualifikationen sind, die Frauen zur Abwanderung bewegen, können sich auch Forschungseinrichtungen und Hochschulstandorte in der Lausitz positiv auf Verbleibchancen von Frauen auswirken. Dabei gilt es allerdings, auf die Spezifizierung zu achten. Wenn diese Institute nur auf gewisse Technologien zugeschnitten sind, gehen Frauen, die sich eher wirtschaftlich, sozialwissenschaftlich oder für Gesundheits-und Pflegeberufe orientiert haben, wieder leer aus. 

Fest steht, die ungleichen Bedingungen sind nicht nur für junge, qualifizierte Frauen und Männer ein Nachteil, sondern auch für alle in der Region lebenden Menschen. Frauen investieren in Familie und Zwischenmenschlichkeit viel mehr Zeit als Männer. Zivilgesellschaft, Daseinsvorsorge, Demokratieverständnis und Infrastruktur sind oft Aufgaben von Frauen. Des Weiteren zeigen Studien, dass vor allem in Regionen mit wenigen Frauen, Rechtsextreme leichteres Spiel haben und auf dem Vormarsch sind. Noch mehr schlechtes Image kann die Lausitz nicht vertragen. Hier gilt es, flexible Arbeitsangebote zu schaffen, Aufgaben und Werte von Frauen in die Arbeitsmodelle zu integrieren. Davon profitieren Frauen und Männer. Diese Fortschritte sollte man auch präsentieren.

In Magazinen über die Lausitz sind überdurchschnittlich viele Männer dargestellt. Frauen werden kaum abgebildet. Auch das mindert Attraktivität. Die Lausitz als Modellprojekt zu initiieren, in dem es nur um Kohleausstieg, Tourismus und Innovation geht, ist nicht nur unzulänglich, sondern auf lange Sicht gefährlich. 

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