Die Sachsen werden optimistischer und demokratischer. Das belegt ein neues, 440 Seiten starkes Zahlenwerk. Foto: pixabay

Sachsens Jugend erlebt ein Erdbeben an Liberalisierung

Viele erwarten einen Wutwinter. Doch nun zeigt die wichtigste Meinungsbefragung namens “Sachsen-Monitor“: Stabile Mehrheiten in Sachsen blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Lausitz ist ein bisschen skeptischer.

Von Christian Füller

Als am Montag nicht etwa Tausende rechtsextremer Demonstranten auf dem Leipziger Augustusplatz erschienen, sondern nur magere 1000, war das ein Symbol. Denn die bombastische Werbung auf rechten Kanälen für einen heißen Herbst ist das eine. Die andere Seite zeigt die neueste empirische Erhebung über die politischen Haltungen der Sachsen. Und die sieht so aus: Drei Jahre nach dem letzten „Sachsen-Monitor“ zeigt das politische Fieberthermometer des Freistaats auf heiter bis fröhlich. Obwohl inzwischen Corona die Menschen erschüttert und Putin einen Krieg gegen das größte Land Europas angezettelt hat. 

Die Sachsen sind nicht etwa umsturzbereit, sondern sie blicken vergleichsweise optimistisch in die Zukunft. Sie glauben ein bisschen fester an die Demokratie. Und sie haben keine Angst davor, ihre Meinung frei zu äußern. Damit fällt den rechten Hetzern das schärfste Schwert für ihre Kampagne aus der Hand. Sachsen denkt anders, als sich mancher Bonsai-Goebbels es wünschen würde. 

Monitor 2016: mobilisierungsfähige autoritäre Grundhaltung

Um derart aufatmen zu können, muss man wissen, was der erste Sachsen-Monitor im Jahr 2016 aufdeckte. Das schlug damals Meinungsforschern und den Politikern in der Staatskanzlei in Dresden schwer auf den Magen. Es war herausgekommen, dass relativ viele Sachsen sich „eine starke Partei, die die Volksgemeinschaft repräsentiert“ und eine „starke Hand“ wünschten (je 62 Prozent). Nur ein Drittel der Sachsen hatten Vertrauen in Bundestag und -regierung. 

Die Hiobsbotschaft damals war: Die Jugend, die 18- bis 29-Jährigen, schien deutlich radikaler und rechter eingestellt als die Pegida-Generation. Ein „relativ hoher Anteil teilt menschenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen“. Danach wurden eilig Grundgesetze an die Schülerinnen und Schüler verteilt und jeder, der politisch bis drei zählen konnte, war gewarnt vor einer möglicherweise mobilisierungsfähigen autoritären Grundhaltung der Bürger im Freistaat. 

Monitor 2022: Zwei Drittel erkennen freie Rede an

Der vielleicht wichtigste Indikator aus der über 400 Seiten langen Ansammlung von Tabellen war damals dieser: 43 Prozent der Sachsen gaben zu Protokoll, „dass man in Deutschland seine Meinung nicht mehr frei äußern kann, ohne Ärger zu bekommen„. Das war ein erschreckender Wert, und man hätte erwarten können, dass nach drei Jahren Corona, Krieg und aufgeregten Debatten dieser Wert noch steigen würde. 

Aber nichts da. Inzwischen teilen 64 Prozent der Sachsen das Gefühl, „dass man in Deutschland seine politische Meinung frei äußern kann“. 35 Prozent zweifeln mehr oder weniger daran. Das ist für eine gefestigte Demokratie immer noch kein schöner Wert – aber angesichts der gefühlten Umsturz-Atmosphäre, welche die so genannten „Freien Sachsen“ auf Telegram verkünden, ist das solide. Denn zwei Drittel der Bevölkerung widerspricht den Demagogen einer angeblichen Meinungsdiktatur. 

Die vielleicht wichtigste Frage wurde leicht verändert

Allerdings muss man hier zwei demoskopische Besonderheiten anmerken: Erstens wurde der Sachsen-Monitor zwischen November 2021 und März 2022 erhoben. Er gibt die robusten langfristigen Meinungen der Sachsen wieder, ist aber keinesfalls kurzfristig etwa auf das Hochschnellen der Energiepreise oder die seltsame Winnetou-Debatte beziehbar. Zweitens haben die Meinungsforscher von Dimap ausgerechnet die „Kann meine Meinung nicht frei äußern“-Frage in Wortlaut und Antwortmöglichkeiten leicht verändert. Kein empirisches Meisterwerk. Die Staatskanzlei, deren Chef Oliver Schenk die Studie vorab Journalisten vorgestellt hatte, tat sich schwer, dies zu erklären. 

Das interessante am Sachsen-Monitor 2022 ist die Regionalisierung der Umfrage auf fünf sächsische Provinzen.Bei den langfristigen parteilichen Vorlieben ist in der Oberlausitz die AfD (14 Prozent) einen Punkt vor der CDU (13 Prozent). Sieht man in die Details der Befragung, glaubt man freilich so etwas wie eine vertiefte Kenntnis der Prozesse unter den Lausitzern zu finden. Die Bewohner Ostsachsens haben vergleichsweise die geringste Angst davor, ihre kulturelle Identität zu verlieren. Und sie kennen sich mit dem Hin und Her von Kohle und erneuerbaren Energien gut aus. 

Wechselstimmung sieht anders aus

Wichtig in Bezug auf die Umsturz- und Weltuntergangsfantasien ist folgender Eichstrich: Zwar sind die Oberlausitzer im Vergleich zu Leipzigern oder Dresdnern weiter am pessimistischsten, was die Zukunft anlangt. Dennoch blicken sechs von zehn der Zukunft Sachsens eher optimistisch entgegen. Wechselstimmung, so würde man es vor einer Wahl sagen, sieht anders aus. 

Wie stark die Veränderung in der politischen Stimmung im Lande ist, lässt sich am besten bei den 18- bis 29-Jährigen ablesen. Sie waren, vor allem wegen ihrer antisemitischen Vorurteile, die Sorgenkinder der 2016er Befragung. Die Veränderungen in der Haltung der Jugendlichen entsprechen einer tektonischen Plattenverschiebung: Damals fand ein Viertel der 18- bis 29-jährigen, „dass Juden nicht so recht zu uns passen„. 35 Prozent meinten, dass Juden heute Vorteile daraus zögen, in der Nazizeit die Opfer gewesen zu sein. Dieses Bild hat sich mit der aktuellen Untersuchung deutlich verändert: heute sind noch 14 Prozent der Jugendlichen der Ansicht, dass Juden Vorteile aus der Nazizeit ziehen. Das ist ein mehr als spektakuläres Ergebnis. 

Junge Leute sind weniger homophob als vor fünf Jahren

Auch in einem anderen Bereich zeigt sich, wie fundamental sich die Jugend in Sachsen verändert. Im Jahr 2016 stellte der Sachsen-Monitor fest, dass 38 Prozent der Jugendlichen eine gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehung als unnatürlich empfanden. Es war ein beunruhigender und alarmierender Wert, dass sich vier von zehn Sachsen im Grunde homophob äußerten. 

Fünf Jahre später ist das ganz anders. Inzwischen sind es nur noch zwölf Prozent, die Homosexualität stört. Hingegen betonen nun fast drei Viertel der Jugendlichen in Sachsen die Selbstverständlichkeit gleichgeschlechtlicher sexueller Beziehungen. Der Freistaat erlebt hier ein regelrechtes Erdbeben in der Haltung seiner jungen Menschen. 

Dies ist ein Text aus dem Neue Lausitz Briefing vom 7. September 2022.

Sie wollen mehr?

Dann testen Sie das Neue Lausitz Briefing 4 Wochen kostenlos.
Sie erhalten:
+ Alle aktuellen Beiträge dienstags, 6 Uhr, in Ihrem E-Mail-Postfach
+ Zugriff auf alle Inhalte unserer Website
+ den Informationsvorsprung, den die Entscheider und Gestalter des Strukturwandels brauchen

Einfach hier anmelden ↗

Hier sind Sie richtig.
Die Neue Lausitz ist das unabhängige Medium für Kohleausstieg und Strukturwandel.

Wir haben die News, Hintergründe und Analysen aus der dynamischsten Region Deutschlands.

Noch Fragen?

Next Post
Previous Post