KOLUMNE / WIRTSCHAFT
Zu lange hat sich die Lausitzer Wirtschaft an der Leitindustrie Braunkohle festgehalten. Es wird höchste Zeit, sich mental freizuschwimmen.
von Christoph Scholze
„Energiekosten, Fachkräftemangel, Strukturwandel, Kohleausstieg. Ich kann es nicht mehr hören. Die spinnen doch alle in Berlin. Und dann noch diese selbstgeklebten Klimaspinner. Die sollen erstmal etwas leisten bevor sie fordern und die Gesellschaft schikanieren.“ So oder so ähnlich klingt es, wenn man mit den Menschen in der Lausitz ins Gespräch kommt. Doch was ist dran an dem Ärger auf die stellenweise politisch angeordnete Veränderung?
Klar ist: Der Klimawandel findet statt und bedroht unser aller Zukunft. Zudem nimmt die aktuelle Weltpolitik Einfluss auf nahezu alle wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Und offen gesagt: Der Strukturwandel würde in der Lausitz auch ohne den Kohleausstieg stattfinden – nur eben anders. Ohne die Milliarden an Fördermitteln, ohne die überregionale Aufmerksamkeit und ohne Druck, erfolgreich sein zu müssen. Der Wandel würde einfach geschehen, die Region weiter schwächen und höchstwahrscheinlich in die Bedeutungslosigkeit führen. Mir ist die gegenwärtige Transformation lieber.
So oder so entsteht in der Lausitz eine Wirtschaft, die sich nicht mehr nur um einige wenige Kernindustrien drehen wird, in deren Kielwasser die kleineren Firmen ihr Auskommen finden. So oder so hängen Wohlstand und Entwicklung zwischen Cottbus und Görlitz nicht mehr an der Braunkohle. Das ist gut so.
Doch wie gehen wir mit disruptiven Einflüssen und asymmetrischen Schocks um und wo liegen die Chancen? Gibt es überhaupt Chancen? Ein Schlüssel zum Erfolg liegt im Mittelstand der Lausitz. Dem Rückgrat der Region und der Grundlage unseres seit 1990 erarbeiteten Wohlstandes. Dieser Wohlstand basierte auf einer starken Abhängigkeit von den wenigen noch existierenden industriellen Playern wie der Leag, Siemens oder Alstom Bombardier. Zuverlässiger und planbarer Auftragseingang haben hier vielleicht eine gewisse Romantik und Lethargie aufkommen lassen.
Zulieferer werden Anbieter von Systemlösungen
Der regional verwurzelte Mittelstand wird in Zukunft der wichtigste wirtschaftliche Player der Lausitz. Er muss sich angesichts der sich ändernden globalen Marktbedingungen und dem Strukturwandel in der Region neu erfinden. Mehr noch, der Mittelstand braucht dringend eine neue Identität. Nur gut begründetes Selbstbewusstsein und sichtbare Leistungsfähigkeit rücken die Lausitz ins Blickfeld von Investoren und Fachkräften.
Historisch war die Wirtschaft der Lausitz durch die Kohle- und Energiewirtschaft geprägt. Doch in den letzten Jahren hat sich das Bild radikal verändert. Die Energiewende und der Ausstieg aus der Kohle führen zu gravierenden Marktveränderungen in diesem Sektor. Der Mittelstand, der sich in der Vergangenheit stark auf diesen Wirtschaftszweig konzentrierte, kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Braunkohle-Industrie Aufträge und Auskommen bringt.
Gut eigentlich, denn so ist es ohnehin schon lange nicht mehr. Die neuen Geschäftsfelder und Dienstleistungen, die seit dem Kohleausstiegsbeschluss in politischen Strategiepapieren beschworen werden, sind vielerorts schon gefunden. Was noch fehlt, ist der nach außen getragene Stolz darauf.
Dazu braucht es erstmal ein neues Selbstverständnis. Statt sich ausschließlich auf die traditionellen Wirtschaftszweige zu konzentrieren, müssen Unternehmen in der Region neue Geschäftsfelder erschließen. Vor allem wird es darum gehen, über den regionalen Tellerrand zu schauen um globale Märkte stärker ins Visier zu nehmen. Warum sieht man sich weiter als Zulieferer oder Auftragnehmer zu günstigen Preisen? Warum drückt man nicht den Rücken durch und stellt sich als selbstbewusster Marktakteur vor, der mithalten kann oder gar neue Maßstäbe setzt?
Jeder ist Teil eines innovativen Ökosystems
Unsere über die letzten Jahrzehnte errungenen Kompetenzen passen perfekt zu den aktuellen weltweiten Herausforderungen. Im Anbieten von Lösungen steckt künftig das Geheimnis des Erfolgs. Raus aus der klassischen Produktfertigung als verlängerten Werkbank. Dazu gehören die Förderung, Speicherung und Verteilung von erneuerbaren Energien, die Entwicklung neuer Technologien oder die Stärkung der digitalen Wirtschaftssektoren. Hinzu kommen umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen sowie ressourcenschonende Produktionsmethoden. Die Lieferketten müssen dringend zuverlässiger werden – da können sich auch Firmen einbringen, die vorher etwas ganz anderes gemacht haben.
Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Entwicklung einer neuen Identität des Mittelstands in der Lausitz ist die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und der einzigartigen Forschungs- und Wissenschaftslandschaft. Nur so können neue Ideen und Geschäftsfelder entwickelt und erfolgreich umgesetzt werden.
Diese neue Identität ist weit entfernt von der alten Leuchtturmstrategie, wo jeder sein Wissen und seine Ressourcen misstrauisch für sich behielt. Jetzt sollte sich jeder Firmenchef als Teil eines hochinnovativen regionalen Ökosystems sehen, wo über gemeinsame Prozesse Neuheiten für globale Märkte entstehen. Immer mit einem Wissensvorsprung zur Konkurrenz. Wer sich selbst und sein regionales Wirtschaftsumfeld so betrachtet, steht nicht mehr am hinteren Ende einer verlängerten Werkbank. Das ist ein Selbstbild, das nicht nur fatal ist für jede vernünftige Entwicklung. Es kann sich im schlimmsten Fall selbst erfüllen.
Christoph Scholze, 43, ist Wirtschafts- und Strukturwandelberater in Görlitz. Der gebürtige Löbauer hat Kfz-Mechaniker in München gelernt und Maschinenbau in Görlitz studiert. Er war Mitarbeiter und Vize-Betriebsrat bei Siemens.