KOLUMNE / WIRTSCHAFT
Wenn Zuständige über den Strukturwandel reden, ist immer alles prima gelaufen. Viele Menschen in der Lausitz sehen das aber anders. Eine bessere Fehlerkultur wäre hilfreich.
von Christoph Scholze
In einem früheren Job durfte ich einmal ein sehr kreatives Team in Görlitz leiten. Nach unserer ersten gemeinsamen Woche fragte ich alle: „Was war diese Woche euer schönstes Scheitern?“ Ich spürte förmlich die Kurzschlüsse in den Köpfen, die diese Frage verursachte. Schön und Scheitern in einem Zusammenhang, das war zu viel für die auf Erfolg getrimmten Konzernmitarbeiter. Doch was danach passierte war bemerkenswert.
Das Team begann die Frage vor jedem Wochenende zu lieben. Die Kolleginnen und Kollegen zogen kontinuierlich Vorteile aus ihren Erfahrungen und wurden von Woche zu Woche besser und leistungsfähiger. Sie entwickelten auch mehr Verständnis, wenn anderen etwas nicht gelang.
Die Frage nach unserem schönsten Scheitern darf nicht mehr bedrohlich sein. Wir müssen sie uns stellen, auch wenn es wehtut. Wenn Startups und junge Gründer sich regelmäßig zu so genannten Fuckup Nights treffen, dann leben sie genau diese Kultur. Sie ziehen daraus die Energie für ihre Aufgaben, die immer mehr Dynamik und Geschwindigkeit fordern. Das kann der Strukturwandel auch brauchen.
Mehr Mut zur transparenten Selbstreflexion
Ich finde, es sollte eine regelmäßige Strukturwandel Fuckup Night geben. Das wäre ein spannendes Format, wo alle, die mitmachen bei diesem wichtigen Prozess, ihr Scheitern in fröhlicher Runde analysieren könnten. Diese Kultur unterstützt den Austausch von Best Practices, fördert Kollaboration und verbindet Teams über Branchen hinweg.
Denn, machen wir uns nichts vor: Im Strukturwandel läuft nicht alles glatt. Nach drei Jahren ist evident, dass Fehler passieren. Auch große, angefangen bei der Verteilung von Fördergeld. Anfangs wurde alles Mögliche gefördert, von der Kita bis zur neuen Dachrinne fürs Dorfgemeinschaftshaus. Mit dem Ergebnis, dass jetzt für die erste Förderperiode kein Geld mehr da ist und viele Projekte abgelehnt werden.So sollte das nicht laufen. Das sieht jeder und das sorgt für viel Frust von Bautzen bis Löbau, von Zittau bis Weißwasser. Die Unzufriedenheit über das bisher Erreichte überwiegt und wo man auch hinkommt, wird über die Fehler geschimpft die von Berlin über Dresden bis hin zu den Gemeindeverwaltungen gemacht werden.
Aber ein ordentliches Fuckup der Entscheiderinnen und Entscheider hat es nie gegeben. Es muss ja keine öffentliche Selbstauspeitschung werden. Der Strukturwandel ist in dieser Form ein nie dagewesenes Mammutprojekt. Niemand hat je zuvor diesen Prozess durchlebt. Wie also wissen was richtig oder falsch ist? Vielleicht braucht es eine neue Definition von falsch und richtig. In jedem Fall braucht es Mut zur transparenten Selbstreflexion.
Die Landespolitik hat einen Prozess aufgesetzt, um ins Tun zu kommen. Die Bürgermeister und Landräte haben sich Gedanken gemacht, was gebraucht wird und wohin die Entwicklung gehen soll. Sie haben gehandelt. Sie haben Mut bewiesen, in einer nie zuvor dagewesenen Situation Dinge neu zu denken. Der Prozess hat sich nicht immer als praktikabel erwiesen. Ja manche Projekte haben noch nicht die Substanz, die es braucht, um flächendeckend neue Wertschöpfung zu generieren. Gerade deswegen ist jetzt der Zeitpunkt, nach neuen Lösungen zu suchen und im Prozess nachzujustieren.
Neiddebatten ersetzen keine Fehlerkultur
Dies wird uns jedoch nicht vor echten Fehlern bewahren. Dafür ist der Prozess zu komplex und das Interesse der handelnden Personen zu unterschiedlich. Die Vielzahl von Unsicherheiten verlangt die Bereitschaft, Risiken einzugehen, und dabei auch in Kauf zu nehmen, das manches nicht gut ankommt. Fehler sollten als natürlicher Teil des Wandlungsprozesses anerkannt sein.
Es hat sich gezeigt, dass die Menschen sich nicht bedingungslos dem Klimaschutz unterwerfen. Die Lücken in den nicht an jeder Stelle zu Ende gedachten Prozessen führen zu Verwerfungen und wir Sachsen schauen manchmal etwas neidisch zu unseren Nachbarn in Brandenburg. Zu guter Letzt führen Kommunen und Projektanmelder eine Neiddebatte darüber, wer mehr vom Kuchen abhaben soll und wem eigentlich nichts zustehen dürfte.
Eine offene und konstruktive Fehlerkultur ermöglicht es, Ideen zu entwickeln, die zum Erfolg beitragen können. Das sage ich stets den Unternehmen und Verwaltungen, die ich berate. Nur so kann ein Klima der Innovation, des kreativen Denkens und des Vertrauens entstehen. Ohne das lässt sich keine regionale Wirtschaft transformieren. Eine solche Fehlerkultur kann auch dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft zu stärken.
Wandel darf nicht zur hohlen Phrase werden
Der Strukturwandel, der die Lausitz wirtschaftlich von der Braunkohle lösen soll, ist die größte Chance, die unsere Heimat in 30 Jahren hatte. Er darf nicht zu einer hohlen Phrase zu werden. Ich könnte über mangelnde Bürgerbeteiligung oder unrealistische Erwartungen an unsere Bürgermeister schreiben. Alles Punkte, die im aktuellen Transformationsprozess noch nicht reibungslos funktionieren. Wichtiger und uns allen nicht so recht bewusst ist jedoch unser gestörtes Verhältnis zu Fehlern. Wer Fehler macht wirkt schwach und ungeschickt, das ist die gängige Annahme. Der einzige echte Fehler, den wir in der Transformation machen können, ist das Nichtstun. Wir müssen Erfahrungen und Wissen sammeln. Wir brauchen eine regelrechte Gier nach Wissen. Lehren ziehen aus unserem Handeln, das muss Teil unserer DNA werden.
Christoph Scholze, 42, war Betriebsrat bei Siemens in Görlitz. Der gebürtige Löbauer hat KfZ-Mechaniker in München gelernt und Maschinenbau in Görlitz studiert. Seit 2021 berät er Unternehmen und Verwaltungen in der Transformation.