Mehr Mut im Skandal

21. April 2026

LEITARTIKEL / SCHULSKANDAL IN SCHLEIFE

Um Mut sollte es gehen bei einem Theaterprojekt in Schleife. Nun ermittelt die Polizei wegen Verbreitung von Pornografie. Der Skandal um die Deutsch-Sorbische Schule offenbart das Fehlen von Mut an vielen Stellen.

von Christine Keilholz

Bürgermeister Jörg Funda (CDU) wirkte überfordert, als er nach dem Vorfall an der Deutsch-Sorbischen Schule befragt wurde. Der liegt zwar schon ein paar Wochen zurück, doch erst jetzt ist die Aufregung über die Theaterwoche zum Thema Mut öffentlich und politisch geworden. Funda zeigte sich im Gespräch mit dem MDR erschüttert: „Dass solche Dinge Kindern zugänglich gemacht wurden, schlägt dem Fass den Boden aus.“ Noch mehr erschüttert ihn die Berichterstattung und „wie viele diese politische Welle reiten“.

Schleife im Kreis Görlitz steht im Fokus. Nicht mit einem rechtsextremen Vorfall. Das war noch vor wenigen Jahren die größte Angst sächsischer Bürgermeister: Schlechte Presse, weil nachts Brandbomben gegen ein Asylbewerberheim fliegen oder weil Jugendliche auf dem Markt irgendwas gegrölt haben, was in sozialen Netzwerken Furore macht. Die größte Angst war, wegen fremdenfeindlicher Taten einzelner kollektiv an den Pranger gestellt zu werden.

In Schleife geht es um etwas anderes. Über den 2.500-Einwohner-Ort ergießt sich Empörung, weil ausgerechnet ein Theaterprojekt aus der Demokratieförderung aus dem Ruder gelaufen ist. Eltern beschwerten sich. Die Schule brach das Projekt ab. Das war Mitte März. Nun ermittelt die Polizei. Überregionale Medien berichten. Rechtsextreme feiern. Es ist einer dieser Fälle, wo viele eine Meinung haben, ohne zu wissen, was vorgefallen ist.

Minister hätte einordnen müssen

Was passiert ist: Zwei Dozentinnen haben in einem Theaterprojekt mit Schülerinnen und Schülern zum Thema Mut Material vorgezeigt, das keine Qualitätskontrolle passiert hätte. Die Pornohefte waren unpassend für Jugendliche und eindeutig zu viel der Anschaulichkeit von queeren Lebensmodellen. Die Eltern hatten Recht mit ihren Beschwerden, die Schule hatte Recht mit dem Abbruch des Projekts. Recht hat auch die linke Amadeo-Antonio-Stiftung, die dem Projekt umgehend die Förderung strich.

Schwach hingegen sind die Erklärungen der Projektveranstalter, der Sozialistischen Jugend (die Falken). Die sagen lediglich, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Man hätte schon gern gewusst, wie sie das Personal für solch’ sensible Aufgaben auswählen und ob es eine inhaltliche Abstimmung gibt. Schwach ist auch der Auftritt des sächsischen Kultusministers, der sich sofort an die Spitze der Empörung stellte. Conrad Clemens (CDU) sprach von einem „ungeheuerlichen Vorgang“ und schob der linken Stiftung die volle Verantwortung zu.

Als oberster Bildungsherr hätte er auch sagen können, dass Sexualerziehung eine Rolle spielt an den Schulen. Und dass sich da ein Spannungsfeld auftut zwischen dem allgemeinem Bildungsauftrag und kulturellen, weltanschaulichen, religiösen Sichtweisen der Eltern. Diese Worte kamen indes – nahezu wörtlich – vom Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung, einer von Clemens’ Behörden. Doch statt die Dinge einzuordnen hat der Minister lieber den billigen Kulturkampf von Rechtsaußen befeuert. Ohne außerschulische Projekte kommt seine durch Lehrermangel gezeichnete Oberschule übrigens längst nicht mehr klar.

Demokratiebildung diskreditiert

In dieser Welle, die der Fall Schleife nun macht, steht nicht nur ein Ort am Pranger und nicht nur eine Schule. Medienbildung und Demokratiebildung als solche sollen diskreditiert werden als irrige Ideologie, die Kindern Bilder von nackten Männern in Aktion zeigt. Die Macher des Theater-Workshops sollten sich klar machen, was sie da angerichtet haben. Der Kultusminister sollte sich klar machen, dass er etwas angreifbar gemacht hat, was auch sein Anliegen sein sollte – natürlich nur, wenn es besser gemacht ist.

Gerade gestern hat Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ihre Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ vor die Kameras geschickt. Prien nennt als größte Probleme Cybermobbing, problematische Nutzungsmuster, algorithmisch verstärkte Dynamiken und unzureichenden Schutz. Ihre unabhängigen Experten wissen um den ungefilterten Schmutz, der Kindern im Netz um die Ohren fliegt – von Porno bis Propaganda. Islamisten oder Rechtsextreme haben über Tiktok praktisch ungehinderten Zugang zu Kindern.

Dagegen steht zum einen eine geradezu kümmerliche schulische Medienbildung. Und zum anderen werden nun jene Bildungsangebote an Schulen, die mit Externen dagegen anarbeiten, dass Schüler in rechtsextremer Tiktok-Propaganda ertrinken, strengstes reguliert. In der Praxis wird das bedeuten, dass oft nichts passiert, aus Angst, etwas Falsches zu machen. Was Schleife gerade erlebt, wird im schlimmsten Fall anderen Schulen ein warnendes Beispiel sein, sich aus Politischem herauszuhalten. Aus Angst, es beim kleinsten Ausfall von allen Seiten zu kriegen, während sich die Verantwortlichen wegducken. Mehr Workshops zum Thema Mut könnten helfen. Auch für Minister.