Digitallabor gegen Radikalisierung

22. September 2026

In der Lausitz können Jugendliche ab Oktober Medienbildung, 3D-Druck und gesellschaftliche Orientierung verbinden. Ein 13-Millionen-Euro-Projekt soll nach Burg und der „letzten Verteidigungswelle“ Demokratiearbeit leisten. Doch wie viel bringt das außerhalb der Schulen? 

Vom Gründungszentrum Startblock B2 auf dem aus will demnächst das Lausitz-Lab Medienbildung in Südbrandenburg koordinieren. Foto: NL
Vom Gründungszentrum Startblock B2 aus will das LausitzLab ab morgen Medienbildung treiben – und für Südbrandenburg koordinieren. Foto: NL

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Christian Füller

Wenn die Bundesministerin für Bildung am 10. Oktober in Cottbus das neue Medienzentrum LausitzLab eröffnet, dann hat sie wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen. Erst kürzlich hatte Karin Prien (CDU) die Laufzeit einer Vielzahl medien- und demokratiepädagogischer Projekte bis Jahresende zunächst rasiert – obwohl viele bis 2028 Förderbescheide hatten. Vielleicht kommt Prien aber auch, weil sie nun ein überraschend ambitioniertes Konzept politischer Bildung persönlich vorstellen will. Ein riesiges Team dezentraler Coaches über die Lausitz verstreut, die viel mehr als außerschulische Medienpädagogik leisten.

„Wir wollten, anders als das ursprünglich vorgesehen war, nicht ein großes Zentrum aufbauen, sondern so dezentral arbeiten wie möglich“, sagt der Geschäftsführer des Landesfachverbands Medienbildung Brandenburg (lmb), Florian Kerkau. Er ist der zentrale Ansprechpartner von insgesamt sechs Organisationen, die an dem Projekt beteiligt sind, darunter die Medialen Pfade und die BTU Cottbus-Senftenberg. Das neue LausitzLab übernimmt einen Teil der Werkstätten des früheren COLab der BTU in Cottbus. Hinzu kommen offene Formate, weitere Labore in der Region (die in Senftenberg, Luckau, Finsterwalde und Spremberg entstehen) – und zwei mobile Teams. Sie fahren mit rollenden Makerspaces an Jugendzentren oder auch Schulen. Jugendliche können 3D-Drucker testen, tüfteln, bauen oder Egoshooter zocken. Jeder ist willkommen. Es gibt keine Gesinnungskontrolle. 

LausitzLab kein neutraler Technikspielplatz

Freilich ist die Lausitz wie viele andere Regionen kein neutraler Technikspielplatz. Die Konflikte gehen längst über durchgespielte Nächte oder Suchterscheinungen hinaus. In Burg im Kreis Dahme-Spreewald berichteten Lehrkräfte 2023 von Hitlergrüßen, rassistischen Sprüchen und Hakenkreuzen unter Schülern. Verschwunden sind damals nicht etwa die Hakenkreuze, sondern die beiden LehrerInnen, die aus dem Örtchen Burg regelrecht verjagt wurden. 

In Altdöbern, unweit von Cottbus, zündeten zwei damals 15-Jährige 2024 ein Kulturhaus an; sie gehörten zur rechtsextremen „Letzten Verteidigungswelle“. 2026 wurden Mitglieder und Unterstützer der Gruppe zu Jugendstrafen verurteilt. Die Vorsitzende Richterin bezeichnete die Teenager als eine „eindeutig terroristische Vereinigung“. Spricht man nun mit den Machern des LausitzLabs, dann sagen die: Diese Leute kennen wir natürlich. 

Die Probleme „dieser Leute“ sind allerdings keine, die sich mit einem Workshop über TikTok oder GrandTheft Auto VI erledigen lassen. Zugleich ist der lmb kein Fachgeschäft für Demokratiepädagogik; sein Auftrag ist Medienbildung. Genau daraus entsteht die Spannung: Die Coaches sollen dort arbeiten, wo sich Medienkompetenz, politische Sozialisation und soziale Intervention bei Jugendlichen überlagern. Der Ansatz erinnert an verstehende Sozialarbeit: erst Beziehung, dann Gespräch; erst Lebenswelt, dann Einordnung. 

Schaufenster für Halbstarke und Harmlose

Das digital-mediale Angebot des LausitzLabs und seiner Filialen wirkt wie ein Schaufenster für Halbstarke wie Harmlose – denn die Medienwelt ist essenzieller Teil ihres Aufwachsens. Der sozialpädagogische Ansatz bedeutet, wie einer der lmb-Coaches sagt, „eine Beziehung zu den Teenagern aufzubauen und wenn die Beziehung belastbar ist, dann mit Interventionen zu starten. Das ist halt sehr kleinteilig“.

Die Sozialpädagogik weiß, dass das nicht mit gefestigten Rechtsextremisten geht, mit Terroristen schon gar nicht. Aber hoffentlich mit Jugendlichen, die aus den einschlägigen Milieus und Familien kommen. Und von denen gibt es nicht wenige in der Lausitz, auch wenn die in Zahlen gefassten politischen Haltungen sich in den letzten zehn Jahren verbessert haben.

So sah der Sachsen-Monitor von 2016 gerade bei den 18- bis 29-Jährigen problematische Relativierungen des Nationalsozialismus und Ressentiments gegen Menschen. Ein relativ hoher Anteil, hieß es damals wörtlich, „teilt menschenfeindliche und rechtsradikale Einstellungen.“ 46 Prozent der jungen Erwachsenen wollten Muslimen damals grundsätzlich die Zuwanderung verbieten (Gesamtbevölkerung 39 Prozent). Ähnlich extrem war die Haltung junger Sachsen zu Juden: 35 Prozent glaubten, Juden wollten Vorteile aus ihrer Verfolgung im Nationalsozialismus ziehen. (Gesamtbevölkerung 25 Prozent). 

In den folgenden Umfragen für den Sachsen-Monitor besserte sich das Bild zunächst deutlich. Mit der Erhebung von 2023 düstert es sich erneut ein. Zwar sind die jungen Erwachsenen demokratischer, aber zugleich gewaltbereiter als der Durchschnitt der Bevölkerung. 13 Prozent der jungen Erwachsenen finden es richtig, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Der Anteil der gewaltbereiten 18- bis 29-Jährigen ist in den Oberlausitzer Kreisen Bautzen (5 Prozent) und Görlitz (2 Prozent) allerdings deutlich geringer als etwa in Zwickau (19 Prozent) oder der Sächsischen Schweiz (18 Prozent). 

Auch die Landesstudie „Jugend in Brandenburg 2022/23“ machte deutlich, dass die Lage angespannt bleibt. 14,3 Prozent der Jugendlichen wurden bei den rechtsextremen Einstellungen als „hoch“ oder „eher hoch“ eingestuft. Bei den 14-Jährigen hingegen sah sich jeder Fünfte Brandenburger als rechtsextrem.

1000 Grundgesetze, aber kein Regelfach Demokratie

An der Art, wie sich Landesregierungen vorstellen, gegen solche autoritären bis rechtsextremen Haltungen präventiv zu werden, hat sich freilich wenig verändert. Die damalige Bildungsministerin Sachsens, Brunhilde Kurt (CDU), ließ Tausende Grundgesetze kaufen und in den Schulen verteilen. Ein eigenständiges Fach Demokratie-Pädagogik lehnte sie ab. 

Dass irgendwas mit der Demokratie-Bildung im Argen liegen könnte, haben Kurts Nachfolger gemerkt, die sich neuerdings in der mitteldeutschen Bildungskonferenz zusammentun. Bei ihrem letzten Treffen erklärten die Bildungsminister Conrad Clemens, Gordon Hoffmann, Jan Riedel und Christian Tischner (alle CDU), Demokratiebildung stärken zu wollen. „Allen, die mit Verweis auf vermeintliche politische Neutralität unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung schwächen wollen, muss entschlossen die Stirn geboten werden“, donnerte Brandenburgs Bildungsminister Hoffmann. 

Allerdings muss man bei den Ministern genau hinschauen. Nachfragen von Neue Lausitz sowohl im sächsischen als auch im brandenburgischen Bildungsressort zeigen: von einer zeitlichen Ausweitung der Medien- oder Demokratiebildung wollen die Häuser nichts wissen. Auch ein eigenständiges Regelfach Medienbildung lehnen sie ab – noch. Inzwischen hat Hessen ein Pflichtfach „KI und Digitale Welt“ beschlossen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis andere Schulminister sich anschließen. 

13 Millionen Euro für Tech und Coaches

Das LausitzLab ist eine gewaltige finanzielle Anstrengung – 12,6 Millionen Euro fließen in Makerspaces, Medienbildner und Moderatoren, allein der Landesmedienverband schickt 17 Leute aus Potsdam in die Lausitz. Zugleich ist die offene Digital-Werkstatt eine Art dritter Weg zwischen der kümmerlichen schulischen Medienbildung und einer ausgebauten Demokratiepädagogik. Über Faszination führt der Weg zur Reeducation – falls es nötig ist. 

Die Geschichte des alten COLab beweist, dass jedenfalls Faszination möglich ist. In den Werkstätten entstanden mehr als 300 Prototypen. Einer davon: ein Speziallenker für den Para-Radsportler Maximilian Jäger. Wegen seiner unterschiedlichen Armlängen entwickelte ein Team aus COLab, BTU und Partnern einen individuellen Carbonlenker für den Weltmeister von 2023. Der erste Prototyp kam aus dem 3D-Drucker des Digitallabors. 

Die Hoffnung ist groß, dass die Makerspaces und Digitallabore des LausitzLabs irgendwann ausschließlich für Spaß und Spiel genutzt werden – und nicht für politische Therapie.

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