Rennen ums Großforschungszentrum ist entschieden

28. September 2022

NEWS / WISSENSCHAFT IN OSTSACHSEN

Es soll der Leuchtturm der Lausitzer Wissenslandschaft werden. Nach zwei Jahren Auswahl ist der richtige Kandidat für das Großforschungszentrum gefunden.

von Christine Keilholz

Die größte Forschungsinvestition der Lausitz steht kurz vor der Enthüllung. Welcher Bewerber den Zuschlag für das millionenschwere Großforschungszentrum erhält, wird noch in dieser Woche beantwortet sein. Damit auch die Frage, wo genau das Zentrum angesiedelt wird. 

Der Wettbewerb, der sich über zwei Jahre hinzog, ist im Bundesforschungsministerium bereits entschieden worden. Das Ergebnis wird Ministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) zusammen mit den Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, Michael Kretschmer und Reiner Haseloff (beide CDU) am Donnerstag in der Bundespressekonferenz verkünden. Wie die Neue Lausitz vorab erfuhr, ist der aussichtsreichste Kandidat das „Deutsche Zentrum für Astrophysik“ (DZA). Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Oberlausitz damit Standort eines europaweit einmaligen Gravitationsteleskops. 
Spitzenforschung muss Verträglichkeit mit der Region beweisen Das Großforschungszentrum ist das Kronjuwel der neu entstehenden Lausitzer Wissenslandschaft. Fast 2000 Menschen soll es beschäftigen. Mit 175 Millionen Euro jährlich hat es fast doppelt so viel Budget wie die TU Dresden. Eine Einrichtung dieser Größe ist einmalig in Deutschland – und in Sachsen sollen es gleich zwei werden. Neben dem Oberlausitzer Großforschungszentrum ist ein weiteres in der Umgebung von Leipzig geplant.

Für die beiden sächsischen Kohlereviere geht es um Forschung von Weltrang, die gleichzeitig Jobs und Wirtschaftskraft bringen kann. Ziel der Investition sei „herausragende Forschung, hochwertige Arbeitsplätze, eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung für einen nachhaltigen Strukturwandel“, versprach im November 2020 die damalige Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Ihre Nachfolgerin Stark-Watzinger kann nun das Ergebnis des komplizierten und nicht immer durchsichtigen Findungsprozesses präsentieren. 

Sechs Projekte sind in der Endauswahl. Sie wurden im vergangenen Jahr aus den rund 100 Einsendungen ausgewählt, die aus aller Welt eingegangen waren. In der Endrunde mussten die Finalisten seither beweisen, dass sie neben wissenschaftlichem Prestige auch Struktureffekte bringen. Dabei ging es auch um regionale Verträglichkeit und um Unterstützung der lokalen Gesellschaft. Folglich erlebte die Oberlausitz in den zurückliegenden Wochen einen Wissenschaftszirkus, bei dem sich die Kandidaten in den Städten und Gemeinden reihum beliebt zu machen suchten. 
Oberlausitzer Politik hat ihren Favoriten schon benannt Das Deutsche Zentrum für Astrophysik hat umfangreich geworben. Es gab Gesprächsrunden in Stadthallen und sogar Grillfeste, um das gigantische Teleskop vorzustellen. Hinter der Bewerbung steht ein Kollektiv von deutschen Wissenschaftlern rund um den Forschungsdirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Günther Hasinger. Die ESA sucht nach einem geeigneten Standort für ein solches Teleskop, das nur auf besonderem Gestein stehen kann. Die Oberlausitz ist laut Bekunden der Expertinnen und Experten eine von drei Regionen in Europa, die dafür in Frage kommt. Mit dem Zuschlag des Forschungsministeriums, der zu erwarten ist, würde der Bund sich dazu bekennen, das Teleskop für die ESA bauen zu wollen – und aus Mitteln der Strukturstärkung für die Lausitz zu finanzieren. 

Die Aussicht, einen solchen Leuchtturm heimzuholen, hat überzeugt. Mehrere Lokalpolitiker wie auch der Sorbenverband Domowina haben ihre Unterstützung für das DZA kundgetan. Beim Grillfest in der Gemeinde Ralbitz-Rosenthal, wo die Wissenschaftler Probebohrungen durchgeführt hatten, saßen Bautzens Landrat, Domowina-Chef und die Bürgermeister der umliegenden Städte am Tisch. Gewartet wird nun noch auf das letztgültige Votum des Forschungsministeriums. 
Gute Kontakte in der Wissenschaftswelt nötig Rührig unterwegs war auch das Team des Mitbewerbers „Lausitz Art of Building“ (LAB). Dem Vernehmen nach wird dem Projekt rund um den Dresdner Bau-Professor Manfred Curbach ein Achtungserfolg zuteil. Für seine Idee, das Bauwesen auf nachhaltige Weise neu zu erfinden, hat Curbach zwar viele Sympathien eingeworben. Doch das Projekt erschien den politischen Entscheidern zu klein und zu wenig tragfähig für ein Großforschungszentrum, das einen Rang in der Wissenschaftswelt erwerben soll, den etwa das Teilchenphysik-Zentrum CERN in der Schweiz genießt. Zu erwarten ist eher, dass das LAB bei einer kleineren Ausschreibung in der Lausitz punkten kann. 

Aufschlussreich am Verlauf dieses Rennens ist, wie sich die Kandidaten auf glatten Parkett der Wissenschaftspolitik schlugen. Ohne zielgenaues Marketing und gute Kontakte ins Wissenschaftsmanagement kam keine Bewerbung weiter. Vom „European Research Institute for Space Ressources” (ERIS), das der Freiberger Bergbauforscher Carsten Drebenstedt bauen will, war zuletzt wenig zu hören. Die Idee, in Ostsachsen eine Art Los Alamos in der Tagebaulandschaft zu bauen, galt zudem vielen Bürgermeistern und Landespolitikern als zu abgehoben. 

Das zweite Zentrum im mitteldeutschen Revier wird sich laut Informationen der Neuen Lausitz um Chemieforschung drehen. Aussichtsreiche Kandidaten sind hier das Projekt „Chemresilienz“ des Potsdamer Biochemikers Peter Seeberger und das „Center for Medicine Innovation“ des Leipziger Biochemikers Jens Meiler. Das Land Sachsen-Anhalt, das am mitteldeutschen Großforschungszentrum beteiligt ist, hat großes Interesse, sein Chemiecluster zu stärken. Ein Forschungs-Leuchtturm zwischen Halle und Leipzig wäre dafür ein starker Standortfaktor.
Die Bewerber in der Endrunde 

DZA In Sachsen sollen die riesigen Datenströme zukünftiger Großteleskope gebündelt und verarbeitet werden. Gleichzeitig sollen in einem neuen Technologiezentrum u.a. Regelungstechniken für Observatorien entwickelt werden. Dabei bauen der Astronom Günther Hasinger und seine Kollegen auf die Erfahrung und das moderne Umfeld der Industrie in Sachsen auf. Zudem verfolgt das Deutsche Zentrum für Astrophysik die Option, in den Granitformationen der Lausitz ein Gravitationsteleskop zu bauen. 
 
LAB Das „Lab – Lausitz Art of Building” adressiert einen Paradigmenwechsel im Bauwesen. Neue ressourceneffiziente und klimaneutrale Werkstoffe sowie modular geplante Bauwerke sollen den enormen Ressourcenverbrauch im Bauwesen mindern. Das Konzept des Dresdner Bauingenieurs Manfred Curbach will mit modernen Ansätzen der Materialforschung die Lausitz als arbeitsplatzwirksame europäische Modellregion für nachhaltiges Planen und Bauen entwickeln. 

ERIS Das „European Research Institute for Space Ressources” will technologische Grundlagen für die Errichtung und den Betrieb von Weltraumstationen auf Mond und Mars erforschen. Auf dieser Basis will der Freiberger Bergbau-Forscher Carsten Drebenstedt einen Beitrag dazu leisten, Ressourcen im Weltraum und auf der Erde sicherer, effektiver und umweltschonender zu nutzen. 

Chemresilienz Um die Versorgung wichtiger Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Konsumgüter sicherzustellen, will „Chemresilienz – Forschungsfabrik im Mitteldeutschen Revier“ des Potsdamer Biochemikers Peter Seeberger eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etablieren. Nachwachsende Rohstoffe, kurze Transportwege sowie lokale, kostengünstige und nachhaltige Produktionsprozesse sollen die Resilienz der deutschen Chemiewirtschaft sicherstellen.
 
CLAI_RE Das „Centre for Climate Action and Innovation – Research and Engineering” (CLAI_RE) will Klimadaten und -wissen bündeln. Auf dieser Basis will das Team um den Leipziger Geologen Georg Teutsch funktionale digitale Zwillinge von Ökosystemen schaffen und Datenräume in ganz neuen Dimensionen entstehen lassen. CLAI_RE will Handlungsoptionen für den Klimaschutz mit Fokus auf Landwirtschaft, Forst, Wasser oder Planung urbaner Räume entwickeln.
 
CMI Der Leipziger Biochemiker Jens Meiler nimmt mit „CMI – Center for Medicine Innovation“ neue Technologien zur Digitalisierung und Individualisierung der Medizin in den Fokus. Durch die Vereinigung von Medizintechnik und Medikamentendesign soll ein Zentrum der biomedizinischen Forschung und personalisierten Medizin entstehen. Versorgungs- und Wertschöpfungsketten sollen zu einem Ökosystem vereint werden, das die Integration neuer Produkte in Versorgungstrukturen erleichtert und beschleunigt.