„Görlitz kann ein zweites Jena werden“

28. April 2026

INTERVIEW / RAJ KOLLMORGEN ÜBER DEN SOZIALEN WANDEL IN GÖRLITZ

Forschung als Geschäftsmodell für eine Stadt – das soll in Görlitz Wirklichkeit werden. Der Soziologe Raj Kollmorgen hält das für eine gute Idee, allerdings mit Risiken. Die liegen auch im Geld. 

Raj Kollmorgen: „Das Unangenehme an industrienaher Forschung und Entwicklung ist, dass sie immer auch grandios scheitern kann.“ Foto: HSZG
Raj Kollmorgen: „Das Unangenehme an industrienaher Forschung und Entwicklung ist, dass sie immer auch grandios scheitern kann.“ Foto: HSZG

Herr Prof. Kollmorgen, Görlitz will Wissenschaftsstadt werden. Wie gut ist das bisher gelungen? 

Die Entstehung einer wissenschaftlichen Kultur in einer Stadt ist ein Marathon, kein Sprint. Und dass aus Forschung wirtschaftlicher Mehrwert entsteht, ist kein Naturgesetz. Zu einer Wissenschaftsstadt gehört, dass die lokale Wertschöpfung wesentlich durch wissenschaftliche Forschung und Entwicklung getragen wird, dass aus den Laboren die zündenden Impulse für Innovationen stammen. Wissenschaft wäre in der Stadt und im städtischen Leben unübersehbar. Soweit sind wir aber noch nicht. 

Warum nicht? 

Da fehlt Görlitz bis jetzt die kritische Masse und obendrein ein Campus in der Innenstadt, wie man das in Tübingen oder Heidelberg findet. Sicher, es gibt die Hochschule oder das Senckenberg Museum, aber Forschende und Studierende sind nicht überall in der Stadt anzutreffen und man begegnet ihnen auch nicht ständig in Organisationen der Zivilgesellschaft oder im kulturellen Leben. In Jena, vielleicht der Wissenschaftsstadt in Ostdeutschland, sind von 100.000 Einwohnern um die 40.000 im wissenschaftlichen Sektor beschäftigt oder direkt mit ihm verknüpft. Neben der Universität gibt es etliche Leibniz-Institute, Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft und vielfältige forschende Industriepartner. Das spürt man in der Stadt sofort. 

Mit dem Strukturwandel ist ja eine Reihe von Instituten nach Görlitz gekommen. Welche kulturelle Wirkung haben die? 

Das Center for Advanced Systems Understanding (CASUS) und das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) sind sichtbar. Auch die Erweiterung des Senckenberg-Campus trägt nicht nur direkt zur regionalen Wertschöpfung bei. Aber andererseits sind diese Einrichtungen vor allem in der Grundlagenforschung tätig, deren Erkenntnisse sich nicht unvermittelt und rasch in wirtschaftlichem Wachstum niederschlagen. Wenn ich mir die kulturelle Präsenz anschaue, hat sich einiges getan. Trotzdem wird Görlitz in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren sicher nicht ein zweites Jena im Osten werden – in dreißig Jahren, wer weiß? 

Für Görlitz geht es auch um eine wirtschaftliche Neuerfindung durch Wissenschaft. Kann das klappen?