Viel gewachsen an der Neiße 

8. Mai 2026

HINTERGRUND / GÖRLITZ VOR DER OB-WAHL 

In Görlitz mischen sich nach sechs Jahren Strukturwandel – und sieben Jahren OB Octavian Ursu (CDU) – Euphorie und Skepsis. Am Sonntag ist Wahl in der ostsächsischen Metropole. Ein Stimmungsbild. 

von Robert Saar 

Die Übernachtungen in der aus vielen Filmen bekannten Stadt sind um drei Prozent gestiegen. Foto: Stadt Görlitz
Die Übernachtungen in der aus vielen Filmen bekannten Stadt sind um drei Prozent gestiegen. Foto: Stadt Görlitz

Das Gespräch beginnt harmlos. Im Zug nach Görlitz ist eine engagierte Schaffnerin mit einem schwäbischen Fahrgast beschäftigt. Mit viel Liebe zum Detail zeigt sie auf die Großformatkarte im Waggon. Sie erklärt welche Radwege wenig Steigung haben und wo es sich zu baden lohnt. Dann wird sie energischer. Sie wettert jetzt gegen die Treuhand. „Wo sind die blühenden Landschaften, die man uns versprochen hat?“, fragt sie den Mann aus dem reichen Baden-Württemberg. Dem wird unter seinem Helm mulmig. Kinder seien in Deutschland „Luxusartikel“ geworden, behauptet sie. Den Ausländern aber werde alles nachgeschmissen. „Um uns schert man sich nicht in Berlin, Brüssel oder Dresden!“ Die Frau ist in Fahrt. Die Zugansage erlöst ihren Kunden: Nächster Halt: Görlitz, Endstation. 

Görlitz ist Endstation und Startpunkt zugleich. Das städtebauliche Kleinod an der polnischen Grenze ist im Aufbruch. Und steht vor einer Richtungsentscheidung. Der CDU-Mann Octavian Ursu, 58, will Oberbürgermeister einer Stadt bleiben, in der nicht wenige denselben Frust der Schaffnerin in sich tragen. Transformation und Strukturwandel? Diese Begriffe entlocken nicht allen 55.000 Einwohnern Hoffnung und Zuversicht. Keine leichte Aufgabe für den gebürtigen Rumänen Ursu, der die Metropole Ostsachsens vor sieben Jahren für die CDU gesichert hat. Sein Hauptgegner ist auch diesmal der AfD-Mann Sebastian Wippel. 

Tatsächlich hat der Mann im Rathaus seit 2019 einiges angepackt. Der Strukturwandel sei nicht nur ein Problem, sondern „auch eine große Chance“ sagte Ursu damals. Der gelernte Musiker wurde konkret: Er wollte eine gemeinsame Fernwärmeversorgung mit der polni…