Die Crux mit den vielen Behördenjobs

22. August 2023

KOLUMNE / WIRTSCHAFT

In der Lausitz soll der öffentliche Sektor zum Jobmotor werden. Das ist kurzfristig toll, aber auch ein Risiko für die Entwicklung der Region.

von Christoph Scholze

In Weißwasser im Landkreis Görlitz ereignet sich seit 2020 ein kleines Jobwunder. Mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle entstehen 180 Arbeitsplätze in der Stadt, die durch den Wegfall von Industrien die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Da ist die Ansiedlung einer Bundesbehörde ein Segen, könnte man meinen. Aber so einfach ist es nicht. Nicht wenige der neuen Staatsbediensteten sind dem Ruf nach Sicherheit, gutem Gehalt und Bonusleistungen gefolgt und haben dafür Schlüsselpositionen in den Unternehmen verlassen.

Bis zum endgültigen Kohleausstieg sollen in der Lausitz 5.000 Arbeitsplätze durch die Ansiedlung von Behörden gesichert oder neu geschaffen werden. In einer Region, die demografisch bedingte Vollbeschäftigung hat und die jede einzelne Fachkraft dringend braucht, hat dieses Kernversprechen des Strukturwandels mittlerweile einen durchaus bedrohlichen Klang.

Der Strukturwandel ist angelegt als Beschaffungsmaßnahme für Tausende von Jobs. Das erschien den Verhandlern des Kohlekompromisses als wichtigste Maßnahme, um das Überleben der Region zu sichern. Es war, lernen wir jetzt, eine überholte Ansicht von Entwicklungspolitik. Die großen Sorgen um damals noch 8.000 direkt vom Kohleausstieg betroffene Arbeitsplätze beim Kohleunternehmen Leag ist inzwischen der Sorgen aller Lausitzer Unternehmen gewichen, überhaupt noch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, die sie brauchen. Mit den Löhnen, die in Bundesämtern bezahlt werden, können die allerwenigsten mithalten.

Beim Lohn mithalten müssen

Die Aufgabe, auf absehbare Zeit gut bezahlte Jobs bereitzustellen, traut der Staat nicht der Lausitzer Industrie und Wirtschaft nicht zu – sondern übernimmt sie lieber selbst. Folglich ist der öffentliche Sektor zum Jobmotor geworden. Das mag politisch eine clevere Strategie sein, um schnell spürbar zu machen, dass auf dem regionalen Arbeitsmarkt nun ein anderer Wind weht. Aber es birgt Risiken. Wenn in Cottbus plötzlich 500 Jobs in Bundesbehörden zu besetzen sind, dann drohen Störungen, Ungleichgewichte und Lohngefälle.

Die Forschungseinrichtungen in Cottbus suchen jetzt schon händeringend Leute mit demselben hoch spezialisiertem Profil in Naturwissenschaften und Energietechnik. Aber eben auch nach Sekretärinnen oder Öffentlichkeitsarbeitern, die aus schlechter bezahlten Jobs in anderen Behörden kommen. Beim Bafa in Weißwasser war dieser Effekt schnell spürbar – nämlich in den Gemeindeverwaltungen der Umgebung, wo sich seither die Kündigungen häufen. Ein Hauptproblem, das sich durch den Anstieg der öffentlichen Beschäftigung ergibt, ist die Verschärfung des Personalmangels in Schlüsselbereichen.

In Görlitz zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab: Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) plant, in Görlitz über 1.000 Arbeitsplätze zu schaffen, die vorwiegend Fachleute aus der Privatwirtschaft anziehen werden. Das Projekt unterscheidet sich jedoch von anderen, durch seinen proaktiven Umgang mit den Anliegen der Wirtschaft. Das Zentrum stößt auf positive Resonanz, schafft Transparenz und fördert konstruktive Diskussionen. Es sieht sich nicht nur als Forschungseinrichtung, sondern auch als Schlüsselpartner für die regionale Wirtschaft und verspricht, langfristiges Wachstum für die Region zu fördern.

Aufgeblähter Behördensektor

Die Erhöhung des Lohnniveaus in der Region mit hoher öffentlicher Beschäftigung ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann es zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen und Anreiz für qualifizierte Arbeitskräfte sein, in den öffentlichen Sektor zu wechseln. Andererseits kann es die Wettbewerbsfähigkeit der privaten Unternehmen gefährden, die nicht in der Lage sind, ähnliche Löhne zu zahlen. Hier ist eine effiziente Lohnpolitik erforderlich, die ein Gleichgewicht zwischen der Wettbewerbsfähigkeit des öffentlichen und privaten Sektors gewährleistet.

Vor allem aber sind jetzt politische Anstrengungen nötig, die den Zuzug neuer Talente begünstigen. Unternehmen sind da dringend auf Unterstützung angewiesen: Von der Bewerbung der Region mit ihrer herausragenden Lebensqualität bis zu den vielfältigen Karrieremöglichkeiten. Auch die Akquise von Fach- und Arbeitskräften aus dem Ausland muss behördlich koordiniert werden.

Karriere machen in Weißwasser

Es hat auch mit regionalem Selbstbewusstsein zu tun, dass die Lausitz nun Jobs zu bieten hat, die gutes Gehalt, Sicherheit und Status versprechen. Das war nötig, um nach dem Kohleausstiegsbeschluss nicht in eine kollektive Depression zu verfallen. Eine 30-jährige Ingenieurin mit Berufserfahrung muss heute nicht – wie noch ihre Eltern – nach Stuttgart ziehen, um an einem Wirtschaftswunder teilzuhaben. Sie kann das auch in Cottbus haben. Sie kann die Behördenkarriere auch in Weißwasser machen.

Es kann auch sein, dass der Aufbau eines gigantischen öffentlichen Dienstleistungssektors mehr Investitionen in den Unternehmen stimuliert. Denn die müssen ja reagieren, wenn sie übermächtige Konkurrenz in die Nachbarschaft bekommen. Im besten Fall wird die lokale Wirtschaft auf lange Sicht dadurch diverser und reicher an Angebot.

Es kann aber auch in die andere Richtung wirken: Was, wenn den kleinen Unternehmen, die in Summe 90 Prozent der Jobs bereitstellen, die Lebensgeister abhanden kommen? Wenn eine ganze Generation kluger Köpfe ihr Heil in behördlicher Bequemlichkeit sucht, statt mit guten Ideen Neues zu wagen? Wenn das zarte Pflänzchen namens Unternehmergeist nicht wächst, sondern verdorrt? Was, wenn die Lausitzer Wirtschaft von der Abhängigkeit von der Kohle direkt in eine neue Abhängigkeit von einem aufgeblähten öffentlichen Sektor rutscht? Dann hätte der Staat, der bekanntlich kein guter Unternehmer ist, am Ende mehr draufgezahlt als erreicht.

Christoph Scholze, 43, berät Unternehmen und Kommunen bei der Transformation. Davor war er bei Siemens in Görlitz. Der gebürtige Löbauer hat KfZ-Mechaniker in München gelernt und Maschinenbau in Zittau studiert.