INTERVIEW / FRANZISKA SCHUBERT ÜBER DAS LAUSITZER LEHRAMTSPRAKTIKUM
Einmal in der Woche kommen Studierende aus Dresden, um an Schulen in der Lausitz zu hospitieren. Die Grünen-Politikerin Franziska Schubert will diese neuartige Schulpraxis gegen Widerstand aus der Verwaltung verteidigen.

Neue Lausitz: Frau Schubert, haben Sie verlernt, was Opposition ist?
Franziska Schubert: Nein.
Warum besorgen Sie dann der Regierung im Parlament das Geld für die Freitagslehrer, die einmal in der Woche als Studierende in Schulen der Lausitz ausschwärmen? Der Ministerpräsident hat das Projekt doch selbst mit angeschoben.
Das ist Opposition unter den Bedingungen einer Minderheitsregierung. Ein Blick in den Haushaltsplan hatte mir gezeigt: Alle feiern sich zwar wortreich für das Alternative Lehramtspraktikum in der Lausitz – aber im Einzelplan war das gar nicht mit Mitteln untersetzt. Weder das Kultus- noch das Wissenschaftsministerium hatten das Geld eingestellt. Dann hat meine Fraktion dafür einen Antrag formuliert und eine Haushaltsmehrheit gefunden, um dieses großartige Projekt der frühen Unterrichtspraxis für meine Heimatregion zu sichern.
Das heißt, ohne die Grünen wären die Lehrer-Studierenden ohne Geld da gestanden?
Ich habe mich gefragt: Mache ich da jetzt ein großes Oppositions-Bohei? Oder gehe ich ran und sichere das Ding? Es war eines unserer Kernprojekte. Wir wollten, dass die Schüler auch dieses Schuljahr davon profitieren. Wir haben deutlich gemacht: Wenn die SchulhospitantInnen nicht gesichert werden, dann machen wir Bündnisgrünen den Haushalt insgesamt nicht mit.
Aber unterm Strich bedeutet das, dass Sie als Opposition mit einer Minderheitsregierung bessere Möglichkeiten haben.
Die Regierungskoalition hat sich für dieses demokratische Abenteuer entschieden. Und ich nutze die Möglichkeiten kritisch-konstruktiv.
Was meinen Sie damit?
Wir müssen nicht jeden Nonsens mitmachen, der da kommt. Aber selbstverständlich nutzen wir die Möglichkeit, unseren Einfluss dort geltend zu machen, wo etwas notwendig und vernünftig ist. Und das Projekt des alternativen Lehramtspraktikums ist eben unglaublich sinnvoll für diese Region, eigentlich für alle Beteiligten.
Warum ist das Lehramtspraktikum in der Lausitz eigentlich so toll?
Ich konnte die Studierenden in Görlitz, in Ebersbach und in Seifhennersdorf kennenlernen, spreche mit Schulleitungen und Eltern. Deren einhelliges Urteil lautet, dass diese Art früher studienbegleitender Praxis in der Klasse für alle nützlich ist. Die Schulen profitieren, weil die Studis manche Wissens-Lücken bei den Schülern schließen können. Die Schülerinnen und Schüler freuen sich, dass jemand kommt, der das ein bisschen anders macht und sie vielleicht auch anders anspricht.
Die Studis sind also ein Notnagel gegen den Lehrermangel?
Nein, es ist auch für die Studierenden ein guter Ansatz, weil sie ganz real erfahren, was es eigentlich heißt, im Klassenzimmer zu stehen. Die erleben, was SchülerInnen noch nicht können und wie sie auf die Lehrperson reagieren. Das senkt die Wahrscheinlichkeit des späten Studien-Abbruchs erheblich.
Wieso machen andere sächsische Regionen das nicht genauso?
Weil hier in der Lausitz das Engagement gegen den Lehrermangel riesig ist. Es beschränkt sich nicht auf die Schulen. Die Elternvertretungen tragen das genauso wie die Unternehmen, die mit den Bürgermeistern zusammen arbeiten und Wohnraum organisieren.
Wozu brauchen Sie die Wohnungen?
Der Charme liegt darin, dass die Studierenden eine Nacht bleiben und den ländlichen Raum schätzen lernen. Die künftigen LehrerInnen kommen meistens schon am Donnerstag aus Dresden hier an und sind dann bis Freitag Nachmittag im Einsatz. Die sollen eintauchen in diese Region. Das ist in meinen Augen ein Mehrwert, den wir nebenbei erzielen: der eine oder die andere Studierende kommt vielleicht nach dem Studium ganz bewusst wieder an ihre Praktikums-Schule – als Referendar oder Jung-Lehrer.
Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, Mittel zu sichern, Unterkünfte zu suchen und für die Region zu werben?
Im Gegenteil. Es war großartig die Energie zu erleben, mit der die Neulehrer hierher geholt wurden. In Görlitz hat sich auch Octavian Ursu als Oberbürgermeister dafür stark gemacht. Da geht es eben nicht um eine politische Farbenlehre, sondern wir machen das aus Überzeugung. Der Zusammenhalt, den man dabei erzielt, ist unglaublich viel wert. Als sich die ersten Probleme zeigten, sind die Elternvertreterinnen sofort auf das Ministerium mit einer sehr klaren Ansprache zugegangen. Da ist ein gemeinsamer Spirit des „Dieses-Problem-lösen-wir“ entstanden. Das überträgt sich auch auf andere Themen. Es geht hier nicht nur um die Absicherung von Unterricht, sondern um viel mehr.
Ist es Zufall, dass dieses Projekt, das inzwischen deutschlandweit als ein Modell der frühen begleiteten Praxis im Klassenzimmer gilt, in der Lausitz entstanden ist?
Es gibt hier den Mut und die Bereitschaft, auch mal andere Wege zu denken und zu gehen. Das ist sehr ausgeprägt bei uns in der Lausitz. Mal in die eine, aber auch oft in die positive Richtung. Also die Veranlagung, zu sagen, das muss doch auch anders gehen; das muss man doch schaffen, dass das schneller funktioniert. Der Oberlausitzer Granitschädel kommt hier sehr stark durch. Gerade jetzt, wo es darum geht, dass dieses Projekt unbedingt gerettet werden muss.
Wenn so etwas Tolles in Dresden und bei Ihnen in der Lausitz entsteht, warum konterkarieren dann die Minister den eigenen MP Michael Kretschmer?
Ich glaube, es mangelt den Herrn an der Durchsetzung gegenüber den eigenen Leuten im jeweiligen Ministerium. Es sind ja oft nachgeordnete Stellen, die sich alles Mögliche ausdenken, um es solchen Projekten schwer zu machen. Es reicht also für mich als Abgeordnete nicht, die Mittel für dieses Projekt durchzusetzen. Ich muss die ganze Zeit aufpassen, dass das Geld nicht zweckentfremdet wird. Wir sind zum Beispiel ganz aktuell wieder auf der Suche nach 263.000 Euro, die in der Verwaltungspraxis des Wissenschaftsministeriums verschwunden sind.
Sorry, das verstehe ich nicht. Alle finden ein Projekt toll – und trotzdem wackelt es immer wieder. Wie kann das sein?
Wissen Sie, weil dieses Projekt so innovativ, so erfolgreich und so klug ist, können das manche offensichtlich nicht verknusen, dass sie das nicht selber gemacht haben. Andere sehen das als Gefährdung ihrer Besitzstände. Schulminister Clemens steht ein bisschen stärker hinter dem Projekt, weil er der Region auch verpflichtet ist als Herrnhuter und weiß, wie zerstörerisch Unterrichtsausfall ist. Aber im Wissenschaftsministerium von Herrn Gemkow sieht es nicht gut aus.
Warum?
Meines Erachtens ist er als Leipziger nicht nah genug dran. Und die Lehramtsausbildung an anderen Standorten gibt ihm möglicherweise auch Einwände mit, um dieses Projekt zu verlangsamen oder gar zu kippen. Es gibt Abgeordnete aus der Koalition, die verhindern wollten, dass das namentlich im Haushalt überhaupt auftaucht. Ich bin auch erstaunt, wie krass einzelne Bearbeiter im Ministerium verzögern, z.B durch ständiges Nachfordern. Wir Abgeordnete müssen die ganze Zeit aufpassen. Und das, obwohl es vorrangig der Wahlkreis des Ministerpräsidenten ist, den das tangiert.
Der Kretschmer kann sich nicht um alles kümmern, Frau Schubert.
Ja, aber wir ackern und kämpfen unglaublich dafür, dass es hier weitergeht und eben nicht verwässert wird. Man will jetzt sogar die externe wissenschaftliche Begleitung über die Universitätsschule Dresden einstampfen, obwohl sie zentral für die Studierenden ist. Der Ministerpräsident muss sich fragen, warum er so etwas anschiebt – und dann zusieht, wie es ausgetrocknet wird.
Sie und ihre Mitstreiter sind in einer paradoxen Situation: Die Zivilgesellschaft hat mit partei- und lagerüberbergreifenden Engagement ein Vorzeigeprojekt ermöglicht – und die zuständige ausführende Gewalt hintertreibt es.
Ich teile das unumwunden. Ich erlebe in meinem Unterstützungsversuchen vor Ort, dass Schulen wie Schüler auf die studentischen Junglehrer angewiesen sind. Aber ich sehe leider auch, was es für einen großen Schaden anrichtet, wenn es auf der einen Seite engagierte Leute gibt, die das Praktikum hieb- und stichfest machen – und auf der anderen Seite eine Verwaltung, die das Ganze aussitzt oder versucht, es durch Verzögern abzutöten. Das ist extrem schädlich. Weil das die Elternvertretungen mitkriegen, die eine Macht in jeder Region sind; das kriegt die Lehrerschaft mit, das kriegen auch die jungen SchülerInnen mit, das kriegen die alle mit – und das ist enttäuschend und ein Bärendienst an der Demokratie.
Franziska Schubert, 44, ist Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im sächsischen Landtag. Die Löbauerin studierte in Osnabrück und Budapest und steht seit 2020 an der Spitze der Fraktion. Mit Franziska Schubert sprach Christian Füller.
Aktualisierung vom 19. Mai 2026
Finanzierung für Lehramts-Praktikum steht
Das studienbegleitende Lehramtspraktikum in der Oberlausitz scheint nun bis 2027 gerettet. Es gibt zwar noch keinen offiziellen Bescheid, aber in internen Schreiben wurde Landeselternsprecher Ronald Lindecke, der als Initiator der Freitagslehrer gilt, die Finanzierung bestätigt. Die Beamten von Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) hätten im Haushalt Geld für die Studierenden gefunden, die einmal in der Woche in Oberschulen in Görlitz, Weißwasser, Zittau, Löbau usw. im Klassenzimmer stehen.
Lindecke berichtete Neue Lausitz am gestrigen Montag, dass er und seine Mitstreiter in den letzten Wochen über die Vorgänge im Hause des Wissenschaftsministers irritiert waren: „Plötzlich waren Finanzmittel aus parlamentarisch beschlossenen Haushaltstiteln für das Alternative Lehramtspraktikum irgendwie nicht mehr da“, berichtete der Elternvertreter verwundert. Der Geschäftsführer einer Apothekengesellschaft sagte, es gelte nun Werbung unter den Studierenden des Lehramts an der TU Dresden zu machen – damit genug FreitagslehrerInnen den Weg in die Lausitz finden.
Gemkows Sprecher Falk Lange weigerte sich, eine mündliche Anfrage von Neue Lausitz zur Fortführung des Lehramtspraktikums zu beantworten. Von daher bleibt es weiter spannend. cif