INTERVIEW / ESTELLE KLINNERT UND TOM KLUGE ÜBER DAS ALTERNATIVE LEHRAMTSPRAKTIKUM
Das Alternative Lehramtspraktikum der TU Dresden geht in die dritte Runde. Zwei Studierende berichten, was sie im Klassenzimmer gelernt haben. Von Lehrern – und von den Schülern. Ein Gespräch über die verschwundene Angst vor der Klasse mit Estelle Klinnert und Tom Kluge.

Was sagen Sie Ihren FreundInnen, wenn die fragen, was Sie als Studierende schon im Klassenzimmer machen?
Tom: Ich berichte von meiner Praxiserfahrung. Ich habe in meiner ersten studienbegleitenden Praxisphase rund 120 Stunden unterrichtet, also zusammen mit Kommilitonen. Im zweiten Alternativen Lehramtspraktikum sogar etwas mehr.
Kein Praxisschock, von dem viele Referendare und Junglehrer berichten?
Nein, mir persönlich hat es viel gebracht, als Student in der Schule zu unterrichten. Ich habe das Gefühl, dass es mir die Angst genommen hat, vor einer Klasse zu stehen. Ich habe in verschiedensten Unterrichtssituationen Erfahrungen sammeln und Resilienz aufbauen können – weil ich, so zumindest war es bei uns in Görlitz, mit einem recht diversen Kreis von Schülern konfrontiert worden bin. Das hat mir Sicherheit für das Studium gegeben. Denn ich habe gemerkt, dass ich genau das machen will: Lehrer zu sein. Das war für mich einer der wichtigsten Momente überhaupt in meinem Studium – weil ich gespürt habe, vor der Klasse fühle ich mich wohl.
Estelle, was berichten Sie Freunden und Verwandten über Ihr Praktikum in der Schule?
Estelle: Dass wir immer freitags eine fünfte Klasse begleiten und mit den Kids größtenteils Mathe, Deutsch und Englisch üben. Wir festigen da, wo noch Lücken sind. Es ist einfach toll zu erleben, dass wir den Schülern noch mal in Ruhe erklären können, was sie vielleicht nicht sofort verstehen. Das heißt, sie fühlen sich sicherer. Und wenn Zeit bleibt, machen wir noch kleine Projekte mit ihnen.
„Eltern finden es toll, dass wir Studierenden das mit den Kiddies machen.“
Welche?
Also etwa Teambuilding. Denn in der fünften Klasse sind die Schüler ja alle neu. Sie kennen sich noch nicht so gut. Aber sie sollen auch die weiteren Jahre, die sie an der Oberschule oder im Gymnasium bleiben, als Klasse funktionieren. Wir haben mit ihnen viele soziale Kompetenzen trainiert und das Ganze auch ein bisschen spielerischer gestaltet. Wir hatten den zeitlichen Spielraum dafür. Meine Verwandtschaft war davon begeistert. Sie wissen, dass im Lehramtsstudium normal nicht so viel Praxiserfahrung gesammelt wird. Und: Wir haben über die Klassenlehrer und -lehrerinnen häufig das Feedback bekommen, dass die Eltern es total toll finden, was wir mit den Kiddies machen.
Was ist der Unterschied zum normalen Praktikum, das Lehramtsstudierende der TU Dresden in einem vierwöchigen Block absolvieren?
Tom: Die Differenz ist groß, denn im normalen Blockpraktikum steht das Hospitieren im Vordergrund. Da ist man nur Zuschauer im Klassenzimmer. Man guckt einem Lehrer beim Unterricht zu. In meinem Praktikum, wo ich einmal pro Woche mit drei anderen Studierenden ohne Lehrer vor der Klasse stehe, kommt man durchaus in schwierige Situationen.
Zum Beispiel…
…hatte ich letzte Woche mein erstes Elterngespräch, eher spontan und gemeinsam mit meinen Kommilitonen. Da musste ich mit der Situation klarkommen und habe ich mich ganz anders kennengelernt. Diese Erfahrung hätte ich im normalen Blockpraktikum nie gehabt.
Vor der Klasse stehen? „Wir würden das inzwischen alleine hinbekommen.“
Sind Sie auch mal allein in der Klasse?
Estelle: Rein rechtlich ist es nicht vorgesehen, dass wir alleine unterrichten. Das heißt, es ist immer entweder noch eine Studentin dabei oder die Senior-Mentoren. Aber es würde niemanden von uns Studierenden stören, jetzt schon allein vor der Klasse zu stehen. Wir würden das inzwischen alleine hinbekommen.
Wenn ich jetzt ein Studierender im Lehramt wäre, der noch überlegt – was würden Sie mir sagen, warum soll ich das machen?
Wegen des Sprungs ins kalte Wasser. Bei mir war von Anfang an das größte Problem: Ich stehe eigentlich nicht so gern vor vielen Leuten oder gar im Mittelpunkt. Da habe ich mir natürlich einen tollen Beruf gewählt! Aber mein Wille für den Lehrerberuf war stärker als diese Angst. Und es ist ja auch gut, dass man sich seinen Ängsten stellt. In dem Projekt war das für mich die Chance, dass ich gucke: Ist das jetzt wirklich was für mich? Schaffe ich es, mich vor die Klasse zu stellen?
Und?
Das war cool, weil wir nicht alleine waren, sondern uns immer andere Studierende begleitet haben. Am Anfang waren wir sogar zu viert. Du bist also mit anderen, die in denselben Schuhen stehen wie man selbst, vor die Klasse getreten. Die alle irgendwo Bedenken hatten. Und ich habe für mich gemerkt, dass ist wirklich das, was ich machen will.
Ein gutes Gefühl.
Ich denke, es würde vielen Studierenden helfen. Man kann das Praktikum ja ab dem dritten Semester machen, um zu erfahren, ob es das wirklich ist, was man will. Will ich das nur in der Theorie oder macht mir die Praxis genauso viel Spaß? Es ist nicht alles wie im Studium oder in der Theorie. Es verläuft nicht jedes Beispiel gleich. Es kommen ganz unterschiedliche Herausforderungen auf einen zu. Und man ist richtig stolz, wenn man geschafft hat, das zu meistern. Und irgendwo merkt, dass die Kinder einen akzeptieren; dass es den Kindern Spaß macht und man in vielen Richtungen etwas erreicht.
Was bedeutet das für Sie?
Ich finde das alternative Lehramtspraktikum eine tolle Möglichkeit, schon früh im Studium Praxiserfahrung zu sammeln und an Sicherheit zu gewinnen. Danach kann man richtig startklar ins Referendariat gehen. Als ich in meiner zweiten Praxisphase in eine 11. Klasse kam, hatte ich erstmal noch Bedenken. Aber eigentlich ist das Quatsch, weil die Schüler sind alle so lieb, egal welche Altersstufe. Ich finde es toll. Wer gerne mit Menschen arbeitet, ist in der Schule einfach angekommen.
„Das wären dann fünf Jahre, die du weggeschmissen hast.“
Tom: Ich würde anderen Studenten sagen, dass man diese Möglichkeit, so viel Praxiserfahrung zu sammeln, nicht ausschlagen kann. Wenn man Leute im Referendariat trifft, wirken die teilweise sehr überfordert. Das Horror-Szenario ist, erst im Referendariat zu merken: ‚Scheiße, das ist nichts für mich. Ich will den Beruf gar nicht.’ Und dann hast du acht Semester studiert, teilweise neun oder zehn. Das bedeutet, es wären dann fünf Jahre, die du – in Anführungszeichen – weggeschmissen hast. Wenn du aber im dritten Semester anfängst zu unterrichten und Situationen meisterst, die zunächst unangenehm sind. Wenn aus deiner Komfortzone rauskommst, wirst du ganz, ganz schnell merken: `Ey, mir liegt das!´ Dann hast du gewonnen.
Und wenn es nicht hinhaut?
Dann hast du auch gewonnen. Weil du sagen kannst, ich habe erst anderthalb Jahre studiert und kann mir was anderes suchen. In Görlitz gab es zwei Kommilitonen, die abgebrochen haben. Einer, der richtig aus dem Projekt rausgegangen ist, und einer, der zwar im Praktikum geblieben ist, aber für sich selber gesagt hat: `Lehramt – das studiere nicht mehr weiter.´ Die haben in meinen Augen am meisten gewonnen von uns allen. Weil sie sich die ganzen Jahre gespart haben, die danach noch gekommen wären.
Was Sie schildern, ist ja das Vermeiden einer negativen Erfahrung. Gibt es auch eine rein positive Erfahrung?
Estelle: Ich habe zum vergangenen Jahr in meinem Praktikum super viele neue Freunde gefunden. Wir hatten zusammen eine Wohnung, die uns zur Verfügung gestellt worden war, und wir haben da alles zusammen gemacht. Uns bei Problemen geholfen, wo es ging – auch wenn wir nicht alle in dem selben Klassenteam waren.
Hat der Kontakt gehalten?
Ja, wir treffen uns immer noch und sprechen auch immer noch darüber, weil die das fast alle weitermachen jetzt fürs zweite Praktikum. Das war und ist sehr bereichernd. Und man lernt ja auch in der Schule Leute kennen, mit denen man sich dann sehr gut versteht. Man hat vielleicht mit den Lehrern danach keinen Kontakt mehr. Aber trotzdem gewinnt man soziale Skills und Menschenkenntnis durch das Projekt, was man ja vielleicht in unseren jungen Jahren sonst nicht erlebt hätte.
„Ey, die haben bei mir wirklich was gelernt.“
Tom: Für mich waren diese positive Erfahrungen sehr wichtig: Du siehst die Schüler ganz am Anfang in der fünften Klasse und begleitest dann die Entwicklung von Woche zu Woche. Und irgendwann am Ende des Jahres merkst du, `Ey, die haben bei mir wirklich was gelernt.´Der eine kann jetzt besser Deutsch, der andere kann jetzt besser Mathe oder besser Englisch. Das hat man im normalen Schul-Praktikum nicht, wenn man nur einen Monat am Stück an einer Schule bist. Da kannst du die Entwicklung nicht so gut beobachten.
Zeigen Euch die Schüler das auch?
Auf jeden Fall. Die Klasse, die ich zuvor hatte, hat sich ganz doll gefreut, mich wieder zu sehen. Das war ein richtiges Glücksgefühl. Das hast du nicht alle Tage, dass irgendwelche Kinder auf Dich zukommen und rufen. `Ach, Herr Kluge, schön, dass Sie da sind. Ach, hallo, hallo, hallo.´

Sie haben gesagt, Estelle, die Schüler sind alle so lieb. Das höre nicht sehr oft, dass Lehrer die Schüler als so nett und freundlich erleben.
Estelle: Ich finde, die Schüler sind im Großen und Ganzen sehr sympathisch. Also ich komme gut klar mit den Schülern, das ist vielleicht auch einfach subjektiv. Möglicherweise habe ich nur Glück und wirke halt sympathisch auf die Schüler – und deswegen geben die mir das auch zurück.
Finden Sie es nicht ein ausbeuterisch, dass Sie nur 60 Euro pro Schultag bekommen. Da sind Studierende in Sachsen-Anhalt besser dran. Die haben zwar keine universitäre Begleitung, aber erhalten – anteilig – ein richtiges Lehrergehalt.
Tom: Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, vor allem, was die ganze Zeit drumherum betrifft. Also ich bin neben dem Studium Kellner. Und der Donnerstag ist der Tag, wo ich anreise. Da kann ich halt nicht arbeiten gehen – ausgerechnet am Donnerstag, wo die mich brauchen. Dadurch fehlen mir die Einkünfte ein bisschen. Allerdings fand ich die Bezahlung als einen akzeptablen Ausgleich. Deswegen habe ich das Praktikum persönlich nie als Ausbeutung empfunden. Aber ich kann mir vorstellen, wenn andere Studenten das nicht in diesem Ausmaß tun können wie ich, dann könnte es schon eng werden. Und da ist definitiv mehr Geld sinnvoll und vor allen Dingen auch gerecht.
Estelle: Ich finde die Bezahlung in Ordnung für einen Studenten. Wir sind ja noch nicht fertig mit dem Studium. Da kann man nicht erwarten, dass wir genauso gut bezahlt werden wie Lehrer. Ich weiß außerdem, dass unsere Professorin, Frau Langner, sich wirklich dafür eingesetzt hat, dass wir so viel wie möglich bekommen. Also ich kenne keinen Studenten, der sich beschwert hätte, dass das viel zu wenig wäre. Wir sind alle froh über das Geld, was wir bekommen. Manche wollen auch tatsächlich gar nicht mehr Geld bekommen, weil das dann schwierig würde mit dem BAföG, wenn man über die Minijobgrenze gerät. Ich glaube, es gibt Leute, die hätten das Projekt auch ohne Bezahlung gemacht – um Erfahrungen zu sammeln. Das ist für uns Studis schon irgendwo wichtig, aber auch die geldliche Sache.
„Mir zieht ja keiner eine Grenze. Ich konnte es selber ausprobieren.“
Wir haben sehr viel über Praxis geredet. Aber sie sollen sich ja auch mit den Theorien von Pädagogik, mit pädagogischer Psychologie und mit ihren jeweiligen Fächern befassen. Wie ist die Praxis-Theorie- Verzahnung in Ihrem Praktikum gewesen?
Tom: In der ersten Phase habe ich die kollegiale Fallberatung mit studentischen Dozenten gemacht. Die war dafür ausgelegt, über die konkreten Fälle, die uns im Unterricht begegnet sind, nochmal zu sprechen und sie theoretisch einzuordnen. Diese Fallberatung hat mir sehr geholfen, weil ich neue Perspektiven auf unterschiedliche Situationen bekommen habe. Man hat teilweise auch in der Fachdidaktik, also in den Fächern an sich und in den Bildungswissenschaften, Vorschläge oder Hinweise auf Methoden bekommen, die man direkt umsetzen konnte.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
In Geografie wurde uns an der Uni eine Methode gezeigt, wie wir den Schülern das Thema Topografie besser beibringen können. Die konnte ich direkt umsetzen. In der Woche, in der ich das gelernt habe, habe ich gesagt, das mache ich. Mir zieht ja keiner eine Grenze. Ich konnte es selber ausprobieren und hinterher sagen, war gut und was weniger funktioniert hat.
Estelle: Wir haben teilweise alle zwei Wochen mit Anke Langner oder einer ihrer Mitarbeiterinnen über Unterichtssituationen gesprochen. Die haben uns auch Input gegeben, um die Motivationslage von Schülern besser zu verstehen. Da gab es viel Theorie.

Ein Beispiel, bitte.
Einmal wurde die Frage gestellt, warum hat denn der Schüler so oder so gehandelt – aus psychologischen oder sozialen Gründen. Und was können wir machen, damit es vielleicht besser läuft. Das hat mir sehr geholfen, unterschiedliche Perspektiven auf Situationen zu bekommen, die man ohne das Begleitseminar oder die kollektive Fallberatung nicht bekommen hätte. Ich nehme in der zweiten Praktikumsphase nicht mehr daran teil, aber im ersten Teil fand ich das super. Wir können unseren Betreuerinnen an der Uni jederzeit Fragen stellen. Es dauert manchmal ein bisschen mit der Antwort, weil das viel beschäftigte Frauen sind. Aber es funktioniert.
„Können wir bitte noch eine siebte, achte Stunde machen.“
Lernt man auf die Art eigentlich auch neue Lehr- und Lernformen kennen?
Tom: Das Team-Teaching, das wir in unseren Quartetts von Studierenden im Klassenraum praktiziert haben, war für mich neu. Das hat etwas von einer Reform. Früher in meinem Gymnasium standen nie zwei Lehrer vor der Klasse. Aber jetzt, in diesem Team-Kontext habe ich gemerkt, wie sehr das helfen kann. Bei uns in Görlitz machen wir zum Beispiel viel Gruppenarbeiten. Wir teilen uns in drei Gruppen und können darin jeweils viel individueller auf die Schüler eingehen. Mit acht Schülern kann ich viel intensiver arbeiten als mit 20 oder 22, wo manche Schüler quasi durchlaufen. Dadurch schaffst du es, die Schüler besser zu fördern und soziale Konflikte zu lösen in der Klasse. Was ganz, ganz wichtig ist. Viele unterschätzen, wie sehr Konflikte das Unterrichtsgeschehen und das Lernen erschweren. Ich will lernen, dafür muss ich mich wohlfühlen. Und wenn ich mich in der Klasse nicht wohlfühle, kann ich nicht lernen. Die Möglichkeit, noch im Studium so nahe an der Schülern zu sein und auch Fortschritte zu sehen, hat man sonst nicht.
Wie war das bei Ihnen mit Reformerfahrungen, Estelle?
Estelle: Man lernt, wie Kinder lernen, wenn es mal nicht diese standardisierte Lernformate sind sondern auch projektorientierte und schüleraktivierende Unterrichtsformen. Es muss nicht immer der Standardunterricht sein, wie es ihn seit vielen Jahren schon gibt. Es kann ja nicht der Sinn von Schule sein, wenn die ganze Zeit Frontalunterricht gemacht wird und die Kinder passiv herumsitzen müssen. Das Leben besteht aus Lernen, und die Kinder kriegen mit, dass Schule auch Spaß machen kann. Teilweise haben die uns gefragt, können wir bitte noch eine siebte, achte Stunde machen, es macht so Spaß. Das tut ja normalerweise kein Schüler. Da merkt man, die Schüler haben an sich Bock. Unser Schulsystem ist eben veraltet und müsste dringend überarbeitet werden.
Tom: Für uns Studierende ist es übrigens Lernen ohne Notendruck. Man steht im Klassenraum und kann sich ausprobieren ohne den Hintergedanken: Ist mein Unterricht gut genug für die Prüfer? Stattdessen geht es wirklich um die Kids und die Unterstützung beim Lernen für sie. Umgekehrt ist es ähnlich: Die Schüler nehmen uns nicht als Notengebende, sondern als Lernbegleiter wahr.
Haben Sie mitgekriegt, dass das Parlament in Sachsen für ihr ALSO-Praktikum eine bestimmte Summe im Haushalt des Landes Sachsen festgeschrieben hat – und plötzlich sind 263.000 Euro nicht mehr da gewesen?
Tom: Also das ist an irgendwie an mir vorbeigeflogen, das habe ich nicht genau verstanden. Eswirkt teilweise auch irgendwie einfach nur komisch, wie vielleicht die Politik damit umgeht. Aber ich will mir da dazu keine Meinung anmaßen.
„Dadurch bin ich deutlich souveräner geworden.“
Was ist Ihr persönliches Fazit?
Also ich finde dieses Projekt richtig, richtig geil, weil es viele Möglichkeiten eröffnet, sich selber kennenzulernen, den Beruf, andere Lehrer, genauer: Kollegen, und Schulleitern zu begegnen. Man spürt, wie Schule funktioniert. Mit diesem Projekt bin ich ja quasi das erste Mal nach meiner eigenen Schulzeit wieder in die Schule gekommen. Die Regelmäßigkeit der Semesterbegleitung hat mir extrem die Angst vor der Zukunft genommen. Dadurch bin ich deutlich souveräner geworden. Wenn ich mit anderen Studierenden unterrichte, bin ich strukturierter. Ich habe eine Art entwickelt, wie ich Unterricht aufbaue, wie ich selber sein möchte, auch als Lehrperson. Ich könnte ich mir allerdings auch vorstellen, dass es Studenten gibt, die das klassische Modell weiter bevorzugen. Das heißt, ich finde, dass dieser optionale Charakter bestehen bleiben sollte.
Estelle, wie lautet Ihre Bilanz?
Estelle: Ich könnte mir vorstellen, dass man im semesterbegleitenden Praktikum mehr Zeit hat, an sich selber zu wachsen, sich selber weiterzuentwickeln. Man hat immer wieder Pausen, wo man darüber reflektieren kann, entweder selber oder mit Professoren. Man kann sich gewissermaßen mehr Zeit geben kann, eine bessere Lehrkraft zu werden.
In der Provinz?
Ja, mir ist klar geworden, dass es eine gute Idee dieses Projekts ist, die Studis auf die ländlichen Regionen aufmerksam zu machen. Manche Studenten wollen gerne in Dresden oder in einer größeren Stadt bleiben. Hier hat man die Möglichkeit, sich mal die ländlichen Schulen anzuschauen. Dabei merkt man: Das ist toll! Wenn ich in der Nähe von Seifhennersdorf wohnen würde, dann würde ich definitiv in Betracht ziehen, da später auch Lehrerin zu sein.

Estelle Klinnert, 22, studiert im achten Semester Lehramt Gymnasium für Geografie und Ethik. Sie war letztes Jahr an der Schlieben-Oberschule in Zittau und macht derzeit am Gymnasium in Seifhennersdorf Praktikum.
Tom Kluge, 23, ist im sechsten Semester Geografie und Gemeinschaftskunde für das Lehramt Oberschule. Er war zweimal an der Oberschule Innenstadt in Görlitz. Mit Estelle Klinnert und Tom Kluge sprach Christian Füller.
