Begleitforschung plus Bürgerforschung 

3. November 2026

KOLUMNE / BETEILIGUNG 

Die Menschen der Lausitz haben Expertise für Transformation. Ihr Erfahrungswissen ist eine Ressource, die Wissenschaft nicht einfach ersetzen kann. Warum nicht beides kombinieren? 

Einmal im Jahr zählen Menschen bundesweit Vögel. Was nach einer Freizeitbeschäftigung klingt, ist eines der bekanntesten Citizen-Science-Projekte Deutschlands. Bei der „Stunde der Gartenvögel“ des NABU liefern Tausende Menschen Beobachtungsdaten, mit denen sich Veränderungen in der Vogelwelt erkennen lassen.

Das Prinzip ist einfach: Wissenschaftler*innen können nicht gleichzeitig in Tausenden Gärten sitzen. Bürger*innen schon. Beide Seiten verfügen über etwas, das die andere nicht hat. Gemeinsam entsteht Wissen, das keine Seite allein gewinnen könnte.

Um das Verhältnis von Wissenschaft und Zivilgesellschaft in der Lausitz zu diskutieren, haben wir im Oktober als Lausitzer Perspektiven mit dem Zentrum für Strukturwandel und Regionalentwicklung (ZeStuR) der BTU Cottbus-Senftenberg, dem Netzwerkbüro Bildung Lausitz, dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und dem Sozialunternehmen „Spreeakademie“ Menschen aus Forschung und gesellschaftlicher Praxis eingeladen. Über 60 Teilnehmende nahmen unter die Lupe, wie wir auf der so oft eingeforderten Augenhöhe zusammenkommen.

Es entstand ein produktiver Austausch, deutlich wurden aber auch die Fallstricke. Zwar ist Augenhöhe schnell gesagt. Doch oft arbeiten zivilgesellschaftliche Organisationen bereits definierten Forschungsvorhaben zu, anstatt mitbestimmen zu können, was überhaupt erforscht wird. Forschungsfragen und Auswertung bleiben überwiegend bei der Wissenschaft und werden beeinflusst durch die Interessen und Förderbedingungen ihrer Geldgeber. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden dagegen als Praxispartner, Türöffner oder Lieferanten von Erfahrungswissen eingebunden. Das kann sinnvoll sein. Aber warum nicht weiterdenken? Was wäre, wenn Dorfgemeinschaften gemeinsam mit Forschenden untersuchen, was das Zusammenleben in ihren Orten stärkt? Wenn Energiegenossenschaften nicht nur Forschungsgegenstand wären, sondern gemeinsam Lösungen für die Energiewende entwickeln? Hier arbeiten wir an deren Schnittstellen, um vermehrt solche Initiativen zu befördern. 

Arbeitsplätze und Erkenntnisse 

Denn wir meinen, dass für die Lausitz derlei Fragen besonders relevant sind. Milliarden öffentlicher Mittel fließen im Zuge des Strukturwandels in Wissenschaft, Forschung und Innovation. Neue Institute entstehen, Forschungsstandorte werden ausgebaut. Damit verbindet sich die Erwartung, dass diese Investitionen langfristig Früchte für die Region tragen. Nicht nur durch Arbeitsplätze und technologische Innovationen, sondern auch durch neue Erkenntnisse und Lösungen für die Chancen und Herausforderungen des laufenden Wandels. Die Lausitzer Menschen erleben und gestalten diesen seit Jahrzehnten. Ihr Erfahrungswissen ist eine Ressource, die Wissenschaft nicht einfach ersetzen kann. Das gilt auch für die Beziehungen, das Vertrauen und die lokalen Netzwerke zivilgesellschaftlicher Organisationen. 

Eine Neuerung kehrt mit dem Forschungsprojekt ZeStuR und dessen Lausitzer Transformationsrat ein: hier sollen Wissenschaft und regionale Praxis enger verbunden werden. Dass sich auf den offenen Aufruf zur Mitwirkung so viele Menschen gemeldet haben, ist ein ermutigendes Signal. Offenbar besteht großes Interesse, die neuen Möglichkeiten wissenschaftlicher Zusammenarbeit zu nutzen.

Ob der Transformationsrat erfolgreich wird, entscheidet sich allerdings nicht daran, wie viele Menschen an seinem Tisch sitzen. Sondern daran, ob daraus gemeinsame Fragestellungen, tragfähige Beziehungen und konkrete Kooperationen entstehen. 

Dauerhafte Bündnisse schaffen 

Dabei liegt die Verantwortung keineswegs allein bei der Wissenschaft. Auch die Region muss auf die Wissenschaft zugehen. Kommunen, Verwaltungen, Unternehmen, Wirtschaftsverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten nicht warten, bis Forschende mit fertigen Ergebnissen oder Kooperationsangeboten vor ihrer Tür stehen. Sie müssen selbst neugierig werden, Kontakte zu den neuen Einrichtungen suchen und sich wissenschaftliches Wissen erschließen. Kommunen können Forschung für ihre Planungen nutzen, Unternehmen neue Entwicklungen aufgreifen und zivilgesellschaftliche Organisationen ihre praktische Arbeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden.

Dafür braucht es Zeit. Nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis ist oder soll unmittelbar verwertbar sein. Nicht jede praktische Frage eignet sich für ein Forschungsprojekt. Aber gerade deshalb braucht es Orte, an denen beide Seiten miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen. Die Lausitz hat dabei die Chance, eine Region zu werden, in der neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft entstehen. Vielleicht wird irgendwann aus der Nacht der kreativen Köpfe (NDKK) in Cottbus ein Zentrum für kreative Köpfe, wo sich beständig spannende Einblicke der Forschung mit regionalen Fragestellungen verbinden ließen?

Bei der Vogelzählung funktioniert das seit Jahren: Die einen können nicht überall gleichzeitig zählen. Die anderen schon. Beim Strukturwandel ist es komplizierter. Aber auch hier gilt: Wir sehen mehr, wenn wir gemeinsam hinschauen. Und wir erreichen mehr, wenn wir bereit sind, voneinander zu lernen. 

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