Kirche als Halt im Wandel 

31. Oktober 2026

LEITARTIKEL / STRUKTURWANDEL in der LAUSITZ   

Kirche kann im Strukturwandel mehr bieten als Stuhlkreise, Lagerfeuer und Kirchentage. Sie kann Versöhnung, Nähe und Authentizität schaffen. Das fördert der Staat mit Kohlegeld. 

Das neue Werbedings der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ist knallrot und hat drei Räder. Mit dem Kaffee-Mobil wollen Pfarrerinnen und Pfarrer die Menschen auch außerhalb der Gotteshäuser erreichen. Serviert wird starker Kaffee – zum Wärmen und Wachmachen. Das Gefährt soll helfen, der Entfremdung und Entwöhnung entgegen zu wirken. Denn auch bei der Kirche erhofft man sich durch den Strukturwandel neue Bedeutung. 

Im November 2025 wurden dem evangelischen Bistum zwei Projekte über das Stark-Bundesprogramm bewilligt. Damit ist Kirche Teil der Lausitzer Projekt-Industrie geworden, die Strukturmittel in gesellschaftlichen Mehrwert verwandeln soll: Vernetzung, Transfer, Identität und Zusammenhalt. Was das Stark-Programm mit seinen Projekten bewirken will, sind Dinge, auf die die Kirche die längste Zeit ihrer Geschichte das Monopol hatte. Ein Teil des Strukturwandels würde sich von selbst erledigen, wenn Kirche noch binden könnte wie ehedem. Fragen zu Identität und Lebensqualität einer Region würden sich nicht stellen, wenn geistliche Sinnangebote so publikumswirksam wären wie zu Luthers Zeiten. Als die Kirche der Motor einer Revolution war und Stuhlkreise wie Lagerfeuer der Gemeinden noch Anziehungskraft hatten. 

Ist aber nicht so. Deshalb muss das Stark-Programm einschreiten und Antworten finden, wie man leere Kirchen wieder belebt. Das ist eins der beiden Projekte, die das Bistum in dieser Woche in der Cottbuser Oberkirche präsentierte – neben dem Lausitz-Kirchentag, der 2028 in Cottbus steigen soll. Kirche muss sich überlegen, was in ihren Gemäuern stattfinden kann, das für örtliche Gemeinschaften wichtig ist. Wenn es schon nicht die geistliche Erfahrung ist – denn für die gibt es in einer Welt voller Wellness-Angebote, Vernetzungs-Workshops und Philosophie-Podcasts viele Bezugsquellen. 

Kernkompetenz für Transformation 

Dabei hat Kirche eine Kernkompetenz, die in der Transformation dringend gebraucht wird. Wenn sich Lebenswelt der Menschen verändert, spielen die Leitplanken und Haltegriffe, die eine alte Institution bietet, wieder eine Rolle. Die Lausitz hat das gelernt, als noch die Kohleindustrie Landschaft und Lebenswelten bedrohte. 

Damals sollten Kirchen mitsamt ihren Dörfern zum Fraß der Bagger werden – sie wurden aber zu Zentren des Widerstands. Dort wurden harte Fragen gestellt und Antworten gegeben. Es ging um den Erhalt von Leben, Gemeinschaft und Natur im Angesicht einer staatlich-industriellen Zerstörung, die keinen Widerspruch duldete. Was sich zum Ende der DDR in den Kirchen formierte, war Umweltbewegung, Sozialbewegung und Demokratiebewegung in einem. 

Heute sind die Fragen weniger eindeutig. Gut und Böse, Richtig und Falsch sind nicht mehr einfach definierbar. Ob die Abkehr von der Braunkohle-Industrie am Ende Gutes bringt, ist in der Lausitz noch umstritten. Nicht allen gefällt, wie sich das gewohnte Leben ändert. Manche haben Sorge vor dem ungewissen Ausgang eines staatlich verordneten Wandels, von dessen Sinn sie nicht überzeugt sind. Und einige haben auch Angst davor, die Heimat nicht wieder zu erkennen und darin keine Rolle mehr zu spielen. Das kommt in Wahlergebnissen zum Ausdruck – in schwer stillbarem Zorn und wüsten Protesten. Das führt auch zu einer Hinwendung an Social Media, die das Vertrauen untergräbt und den demokratischen Diskurs zerschlägt. 

Mehr als simulierter Sinn 

In der Oberkirche saßen bei der Projekt-Präsentation die bekannten Köpfe der Lausitzer Strukturwandel-Community beisammen – die Staatskanzlei-Chefin Kathrin Schneider (SPD), die Wirtschaftsregion Lausitz mit Chef Heiko Jahn und mehreren Projekt-Verantwortlichen. Diese haben im Prozess ihre eigenen Sorgen. Sie haben für ihre Region hohe Fördersummen erstritten, werden dafür aber politisch nicht belohnt. Die Organisatoren aus Ministerien und Rathäusern haben effiziente Prozesse aufgelegt, die aber nicht nur Zustimmung finden. Politik und Verwaltung müssen es schaffen, Menschen hinter einer Idee zu versammeln, die mehr beinhaltet als das Versprechen von Aufschwung. 

Weil das alles nicht so einfach geht, erscheint der propagierte Aufbruchsgeist manchmal aufgesetzt. Grelles Marketing soll die schnelle Sinnspende – erstmal – ersetzen. Schlagworte wie „Markthochlauf“, „Zukunft“, „Netzwerk“ und „Perspektive“ sind abgenutzt – gerade in Transformationsregionen, die vor Fensterreden nur so strotzen. 

Aber Sinn lässt sich gewinnen aus dem reichen Arsenal der Geistlichkeit und der soziale Tradition der Kirche. Das kann ihre Aufgabe sein in der Transformation: Sie kann nicht nur ihre Räume öffnen fürs Gespräch. Sie kann auch Botschaften vermitteln und Deutung anbieten. Dafür bringt sie die Kraft ihrer Jahrhunderte alten Marke mit – und ihren Ruheorten, nach denen sich eine durch und durch digitalisierte Gesellschaft sehnt.

Dorothee Land, Leiterin des kirchlichen Zentrums für Dialog und Wandel, hat nun auch eine Kaffee-Ape im Team. Foto: NL

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